Ruder-Wettbewerb: Arsch und Eier

Von Rogi Usarsa dem Ersten:

Ach, wie sehr ich Fitnessstudios liebe: Oberflächlich wirkende Menschen, schlechte Luft und stupide Bewegungen und dazu noch in einem Gebäude eingesperrt. Wenn man nicht unbedingt her muss, meidet man es doch gerne.

Abends sind hier viele Menschen, doch es werden gegen 23 Uhr immer weniger. Ich meide diese Menschen sehr gerne. Ich mag sie halt nicht. Vielleicht bin ich ein kleiner Misanthrop. So sehe ich mich ja eigentlich nicht, aber immer wenn ich in Gegenwart von vielen Menschen bin und nicht wirklich das Gefühl habe, dass ich ihnen entgehen kann, hasse ich sie. Wirklich nur dann. Also bin ich höchstens ein Teilzeit-Misanthrop oder eben nur ein Mensch, der Menschen gerne meidet – unter bestimmten Bedingungen. Paare zum Beispiel, so im Zug nebenan, wenn sie sich abschlecken. Das hasse ich. Kotz, würg, Aggressionen und so. Wobei homosexuelle Paare mich nicht so tangieren. Irgendwie steck ich da ja doch nicht so drin. Da wildert wohl auch niemand in “meinem Territorium” und ich kann ruhig und ganz entspannt sein.

Ich rudere nun. Vielleicht 30 Minuten, vielleicht auch 60 Minuten. Mal sehen. Es ist langweilig. Immer dieselbe Bewegung und irgendwann tut der Arsch weh oder es wird im Schritt unangenehm. Ich rudere alleine, die drei Geräte links neben mir sind unbesetzt – wie meistens. Es ist soo langweilig. Beim Rudern kann man nicht lesen, da man beide Hände braucht. Das ist Mist. Aber ich muss da durch, immerhin reicht mir schon eine halbe Stunde. Mehr ist etwas anstrengend für den Kopf, weil es wirklich langweilig ist und eben auch für den Hintern. Aber so im 30-Minuten-Takt ist das Wechseln der Fitness-Geräte vollkommen o. k. für mich. Hier ist es bei mir wie bei Lautstärke-Reglern: Es muss eben schon eine gerade Zahl sein, oder wenigstens ein gerader Teiler von irgendwas. Eine Primzahl wäre irgendwie schlecht und jede andere ungerade Zahl außer der 5 auch. Also am TV ist die Lautstärke nie bei 47, wenn es von 0 – 100 geht, sondern eben 50, oder 40, notfalls 45. Also mache ich 30 min Rudern und dann was anderes 30 min oder 60 oder 90 oder 120 …

Es kommen Andere zu den Geräten links neben mir. Zwei junge Frauen nehmen die beiden äußeren rechts neben mir, sodass das Rudergerät direkt links neben mir noch frei ist. Ja das freut mich. Ich nehme es gerne als eine Art Herausforderung an, in dieser stumpfen Umgebung eben so lange weiterzurudern, bis irgendein x-beliebiger Mensch geht, seine Übung beendet oder “aufgibt”. Gerne versuche ich, länger durchzuhalten als andere. Dann freut mich natürlich auch, dass es Frauen sind. Ich sehe nun mal Frauen lieber als Männer. Blöd ist zwar, dass ich meinen Kopf um 90 Grad drehen muss, aber es gibt ja auch noch andere Frauen hier. Vorne rechts zum Beispiel eine Läuferin. Sieht nett aus.

5:04 min geschafft und mit der Gesellschaft ist es jetzt auch etwas einfacher, länger durchzuhalten. Ich bleib einfach so lange wie sie bleiben, wobei es mindestens eine halbe Stunde sein muss und ich kann natürlich nur im 30-Min-Takt aufhören. Mal sehen, wie lange sie rudern. Wahrscheinlich höchstens ein paar Minuten und dann sind sie fertig. Machen irgendwie viele Leute hier. Dabei sehe ich Rudern als Ausdauersport an und versuche, lange auf hohem Niveau zu bleiben. Bisher immer eine halbe Stunde und einmal auch eine ganze Stunde, aber weniger auf gar keinen Fall. Danach kann ich ja Fahrrad fahren oder den Crosstrainer benutzen.

6:49 min: ein weiterer Ruderer: schön, eine Herausforderung – vielleicht. Wahrscheinlich bleibt er eine Viertelstunde oder so oder sogar eine halbe Stunde. Dann würde ich mich genötigt sehen, mal wieder eine ganze Stunde zu rudern. Das ist gut, sehr gut. Ich rudere weiter im Takt, nicht besonders schnell, aber bei der höchsten Stufe immerhin ein ordentliches Tempo. Der Neuzugang, ich nenne ihn Paul, wählt ebenfalls die höchste Stufe und legt ordentlich los. Bei mir beginnen sich an den Füßen wieder mal die Bänder zu lösen, die die Füße am Gerät fixieren. Dadurch wird es schwieriger zu rudern. Fast schon elegant schaffe ich es immer, einen Zug mit nur einer Hand zu rudern und mit der anderen Hand mal eben nachzuziehen. Das Tempo muss ich dabei nicht reduzieren.

13:18 min: Die Frauen gehen und nur wir beide Männer bleiben. Auch Paul muss hin und wieder die Fußbänder nachziehen. Er ist bemüht, die Unterbrechung nur kurz zu halten und dann wieder das hohe Tempo zu fahren. Diese Motivation seinerseits gefällt mir. Ich bin länger hier, rudere komplett ohne Unterbrechung, zwar etwas langsamer als er, aber auch ganz ohne äußerlich sichtbare Ermüdungserscheinungen. Dem Rücken geht es nicht so gut, aber es läuft weiter. Die Herausforderung gefällt mir. Er steht sicher unter dem Druck, länger als ich zu rudern, da er erst nach mir kam. Allerdings muss Paul nicht unbedingt länger machen, da er natürlich etwas schneller rudert. Mal sehen, welchen symbolischen Wert er gewählt hat, um das Training zu beenden. Wird er ja auch gemacht haben. Macht doch jeder so. Wer wird bloß 9,7 Kilometer joggen, wenn es möglich ist, weitere 300 Meter zu laufen? Angebrochene Kilometer läuft man doch nur nicht fertig, wenn dabei dann wenigstens eine volle Meilenanzahl herauskommt.

21:36: Immer wieder nervt jeden von uns, dass die Fixierung der Schuhe am Gerät so locker ist. Moderne Sport-Geräte haben da vernünftige Schnallen. Das ist wirklich ein Jammer, aber so kann ich mich profilieren. Ich kann es elegant im Ablauf unterbringen. Ich schaue beim Rudern auch nicht bloß nach vorne oder gestresst aufs Display, um zu sehen, wie weit ich bin (jedenfalls nicht auffallend), sondern ganz einfach in der Gegend herum. Ich betrachte alles gemütlich rechts neben mir. Schaue bloß herum. Die eine Läuferin ist immer noch da. Interessanter Laufstil, aber sieht nett aus. Andere Läufer sehen weniger attraktiv aus. Selbst der Cardiobereich wird gerade von Männern dominiert – schade. Nach links schaue ich nicht. Paul ist da und rudert wie ein Verrückter. Ich dagegen: Entspannt auf gutem Niveau und ganz ohne Unterbrechung.

27:52 min: Ich höre hin und wieder Geschnaufe von links. Ich atme ruhig. Mir geht es ja auch gut. Zwar spüre ich den Hintern stark und im Schritt müsste ich mal alles neu sortieren. Ist aber auch eine ungünstige Sportart dafür. Aber ich rudere weiter. Paul ignoriere ich. Er muss ja nicht durch mein Interesse an seinem Herumgerudere erfahren, dass ich auch nur im Geringsten durch ihn beeinflusst werden könnte. Ich ignoriere das (theoretisch). Doch ich bekomme mit, was da links geschieht. Er hat gestoppt. Er müsste jetzt ja auch seine Viertelstunde haben. Er trinkt, trocknet sich mit dem Handtuch ab und ist wohl fertig. Denke ich. Das ist gut, wirklich sehr gut. Dann bin ich wohl auch kurz vor fertig. Das freut mich innerlich. Meine längste Zeit auf dieser Maschine brauche ich dann heute nicht einzustellen. Es reicht mir aber auch. Dann geht es noch auf den Crosstrainer und dann wars das auch schon für heute.

Aber dann macht Paul plötzlich einfach weiter. So, eine Pause war das also. Wieder rudert Paul wie ein Verrückter weiter. Nun, er kann ja so schnell rudern, wie er will – ich führe immer noch. Ich brauche keine Pausen. Nicht zum Trinken und nicht für das Fixieren der Fußbänder. Mit trockenem Mund geht es auch. Und: Ich rudere länger als du. So zwei zu null steht es dann etwa. Ich schaue nicht herüber. Er weiß auch so, dass es ein Wettbewerb ist.

Es wird langsam anstrengend. Über 40 Minuten gerudert. Ich spüre den Hintern jetzt sehr. Ich zuppele kurz an der Hose herum, dann wird es da etwas angenehmer – alles natürlich so, dass ich mit einer Hand weiterrudern kann. Dann geschieht das Unaussprechliche: Das Band am Schuh löst sich. Mein linker Schuh ist nun nicht mehr am Rudergerät fixiert. Gar nicht mehr. Ich muss nun mit etwas Muskelkraft mehr arbeiten, um im Rhythmus zu bleiben. Das Band kann man nicht ohne Pause wieder einfädeln. Und mein rechter Schuh hatte leider von Beginn an kein Band. Ein Schuh fixiert reicht schon, aber das ist auch notwendig. Nun hab ich aber keinen Fixpunkt mehr am Rudergerät, an dem ich mich nach vorne ziehen kann, um wieder ordentlich mit den Händen zu ziehen. Rudern kann man zwar auch so, aber es ist höchst unkomfortabel und anstrengender. Aber es geht. Ich kann es. Ich bleibe unter höherer Belastung voll im Takt. Er macht hart weiter. Mein Problem ist ihm nicht entgangen. Er hat geschaut. Paul hat es jetzt einfacher, länger zu rudern als ich. Muss er ja auch. Wäre schon peinlich, wenn er einfach später beginnt und früher aufgibt. Es steht jetzt wohl ein Zwischenstand von 3 – 1. Ich rudere länger und ohne Pausen. Das demonstriert Stärke – besonders Willensstärke. Ich zeige, dass ich keine Pussy bin. Paul hat jedoch nun einige Vorteile: Er macht Pausen, das wird wohl dadurch ausgeglichen, dass er härter rudert. Dazu ist sein Band noch voll drin. Er muss es zwar immer mal wieder nachziehen, aber das geht ja. Mal sehen, wie lange er noch rudert. Noch bevor ich eine Stunde hab, wird er aufgehört haben. Besser für mich wäre es – für Arsch und Eier sicher.

Pauls Nettozeit müsste bald 30 Minuten betragen, dann hat er seine symbolische Zeit. Vielleicht sieht er es nicht als Wettbewerb, dann hört er bei einer symbolischen Zeit auf, dann war es kein Spiel und ich hab trotzdem gewonnen. Also eine Win-Win-Situation.

Vielleicht sieht er es allerdings auch als Wettbewerb. Zwar wäre die symbolische Zeit eine gute Exit-Strategie, um herauszukommen aus dem Wettbewerb – es muss ja auch anstrengend sein für ihn, aber wer will schon zuerst aufhören? Ist es für ihn ein Wettbewerb? Naja, er ist ein Mann, er wird wissen, dass es ein Wettkampf ist. Männer können aus allem ein Wettbewerb machen. Es muss keinen Sinn machen, aber ein Ziel gibt es immer: Der Beste zu sein!

Er macht die nächste Pause. Erst legt er das Ruder an der Kette nieder, dann trinkt er ganz entspannt, sitzt noch ein wenig herum und trocknet das Gesicht mit dem Handtuch und macht dann von sofort Null auf Hundert weiter – einfach so. Das dauert ungefähr 3 min und 27 Sek. Während ich davon äußerlich überhaupt nicht Notiz nehme und mich wie die letzten 50 min eher der Beobachtung der anderen Mitmenschen widme, schmerzt der Arsch immer mehr. Es wird nicht besser. Und Paul hatte also einfach wieder nur eine Pause gemacht. Arsch und Eier, alles könnte eine Pause von meinem Rudern vertragen. Aber dieser Paul hört nicht auf. Aber ich könnte natürlich auch 3 Stunden oder wenn nötig 4 Stunden hier aushalten. Ich habe einen starken Willen und notfalls einen starken Arsch. Das Training ist per se ja gar nicht anstrengend. Auf höchster Stufe ist es o. k., darunter ist es langweilig – wirklich langweilig.

60 min: Es steht nun wohl leider fest. Es geht für mich in die nächste Runde, die nächsten 30 Minuten brechen an. Gut, du hast es so gewollt, Paul. Du bluffst sicherlich. Du willst jetzt nicht einfach aufgeben, aber du bist bald am Ende. Ich habe einen starken Willen und ob nun eine Stunde oder anderthalb – das macht mir nix aus. Ich rudere weiter. Wenn du zeigen willst, dass du länger kannst als ich, musst du hart sein – wirklich hart.

Der Arsch schmerzt wirklich. Immer mehr. Er rudert und ich rudere. Der Raum wird leerer. Er müsste jetzt netto eine Stunde durchgehalten haben. Er könnte einfach aufhören. Ich rudere weiter. 90 min werden es. Das Aufhören hab ich mir dann wirklich sehr verdient. Arsch und Eier fühlen sich sehr unangenehm an. Es muss aber weitergehen. Und es geht weiter. Ich mache weiter. Immer weiter. Schmerz egal. Die Arme beginnen zu brennen. Das ist nicht gut. Egal!

Paul rudert. Paul legt das Ruder herunter. Jetzt hab ich über 1000 Kalorien verbraucht – laut Gerät. Und sicher 1 Stunde und 23 Minuten. So fühlt sich ein Sieg an. Schmerzen, aber glücklich. Rücken, Arschbacken, Eier, alles eben: Schmerz! Er trinkt … o. k., das darf er. Hat gerade trainiert. Muss im Sitzen auf dem Gerät erst mal herunterkommen und trinken. Kann man machen. Macht er. Stellt die Flasche herab. Gut – muss er ja. Nimmt das Handtuch, trocknet sein Gesicht. Muss er ja irgendwann, macht er jetzt. Handtuch belässt er beim Gerät. Die Hände gehen zurück zum Ruder. Er legt los – wie ein Wilder! Das darf nicht wahr sein! Ich hab Schmerzen und er macht weiter. Ich darf nicht vor ihm aufhören. Er wird jetzt wohl erst aufhören, nachdem ich die 90 Minuten geschafft habe. Das ist scheiße. Wirklich scheiße. Richtig scheiße. Hab Hunger und Durst. Trockener Mund und Schmerzen. Meine Arme erinnern mich daran, dass Sport anstrengend ist. Danke dafür. Wirklich großartig. Wirklich!

Ich kann jetzt nicht aufhören. Er macht weiter. Es steht jetzt wohl 6 – 5 für mich. Er pusht weiter. Ich habe nur den hauchdünnen Vorsprung von den wenigen Minuten, die ich vor ihm begonnen hab. Was sind 3 oder 4 Minuten von 90? Fast nichts. Nun, ich hab aber doch vor ihm angefangen und es muss ja nicht wirklich ein Wettbewerb gewesen sein. Wir haben uns nicht angeschaut und gesagt hat ja auch niemand etwas. Ich mache hier bloß mein Training. Das hatte ich vor. Er halt auch. Unabhängig voneinander. Ich wollte eben mal etwas rudern – hier. So etwa 90 min. Das ist eine gute Zeit. Sagen wir als Warm-up. Denn ich könnte ja noch mehr. Also steige ich einfach aus. Beende mit 90 min das Rudern und gehe lässig und völlig entspannt zu einem anderen Cardiogerät. Auf jeden Fall zu einem, bei dem man im Stehen trainiert. Nicht wieder sitzen. Mein armer Arsch und … ich bin jedenfalls fertig.

Lockerer und lässiger als ich konnte man jetzt nicht aufstehen. Ich trinke seelenruhig etwas. Ich hab schließlich lang nichts mehr getrunken. Pausen brauche ich ja nicht. Ich nicht. Als ob ich am Strand entlang schlendern würde, bewege ich mich ruhig zum Crosstrainer und sortiere erst mal im mittlerweile fast völlig leerem Fitnessstudio meine Eier. Alles hat wieder Platz. Arsch und Arme brauchen jetzt wohl ein paar Tage, aber das ist o. k. – vollkommen in Ordnung. Crosstrainer, höchste Stufe, halbe Stunde und los geht es. Nach gefühlt einer Stunde bemerke ich, dass immer noch gerudert wird. Einfach so rudert dieser Mensch weiter. Gut, man hätte mal einen Blick riskieren können. Dann hätte man ahnen können, dass Paul öfter hier ist als irgendwo sonst auf der Welt. Der fährt schlicht und einfach sein eigenes Rennen ...