Perispasmos-A2: Entropie und Krieg

Im Krieg findet sich das zweite Leidensprinzip des Daseins, insbesondere des menschlichen Daseins auf eine ganz spezielle Art und Weise wieder. Warum? Krieg, so scheint es, ist nie die Regel, es ist nicht einmal eine Ausnahme, die gerne in Kauf genommen wird von einfachen Menschleins, wenn es sie (be-) treffen könnte. Die Architektur, die Wirtschaft oder der Sport sind dagegen etwas völlig anderes. Und doch geht es im Krieg, wie nachfolgend gezeigt wird, um nichts anderes als das, worum es in den genannten anderen Bereichen geht: Export von Entropie und Import von Negentropie. Dem Gegenspieler die Zerstörung und uns die Ressourcen. Nun also, was ist Krieg? „Der Krieg ist nichts als ein erweiterter Zweikampf“[1] Es geht in der Politik darum, einem Gegner den eigenen Willen aufzudrängen. Da in der Regel Gegenwehr folgt, wird Politik am Ende oft physisch. Krieg ist physische Gewalt, um einen Willen durchzusetzen.[2]

Natur

Im äußersten Falle begegnen sich einander feindselige Menschen in körperlich und geistig schwierigen Bedingungen aus Frost oder Hitze, geprägt von Hunger oder Durst und anderen Mängeln. Doch der äußerste Fall ist nicht das große Problem. Es sind die einfachen Dinge, die die größten Probleme erzeugen. Es häufen sich kleine Mühseligkeiten, die nicht einberechnet werden, wenn ein Krieg geplant wird, ganz ohne dass ein Gegner auf einen einwirkt. Es sind sogenannte Zufälle, die auf Streitkräfte einwirken, wie Wind und Wetter. Eins kann nicht planen für jede mögliche Erscheinung eines Krieges. An einem Schreibtisch plant Eins einen einfachen Marsch von Mensch und Maschine von A nach B. Doch dann beginnt der Regen und dann bleibt mensch im tiefen Boden stecken. Oder es wird geplant, ein Lager aufzuschlagen und dann ermüden mechanische Teile, oder ein heftiger Wind erschwert der Truppe den Aufbau von Zelten. Und bei Wind und Wetter ist von einem Gegner nicht die Rede. Doch der steckt in der Vergangenheit, in der Gegenwart und in der Zukunft – im Kopf und in den Knochen. Schon ohne einen Gegenspieler ist ein Krieg schwierig, da mensch nicht planen kann: „jeder Krieg ist reich an individuellen Erscheinungen, mithin ist jeder ein unbefahrenes Meer voller Klippen, die der Geist des Feldherrn ahnen kann, die aber sein Auge nie gesehen hat, und die er nun in dunkler Nacht umschiffen soll.“[3] Die in Teil A zu vermittelnde zweite große Lehre, nach der Evolution, ist eine Frage der Güte, der Wahrscheinlichkeit und des Leids: Was gut ist, ist unwahrscheinlich, und was Leid bringt, ist wahrscheinlich.

Angenommen, Eins hat Gutes/Güter, also in unserem Sinne, etwas, das stärkt. Da es unwahrscheinlich ist (weswegen ist gut ist), muss damit gut umgegangen werden. So wusste dann auch Clausewitz, wie im Kriege ökonomisch mit Kräften umzugehen ist: Mensch hat im Krieg nur eine begrenzte Zahl an Truppen bzw. Material. Und wer da

„Kräfte hat, wo der Feind sie nicht hinreichend beschäftigt, wer einen Teil seiner Kräfte marschieren, d.h. tot sein läßt, während die feindlichen schlagen, der führt mit seinen Kräften einen schlechten Haushalt. In diesem Sinne gibt es eine Verschwendung der Kräfte, die selbst schlimmer ist als ihre unzeckmäßige Verwendung. Wenn einmal gehandelt werden soll, so ist das erste Bedürfnis, daß alle Teile handeln, weil die unzweckmäßige Tätigkeit doch einen Teil der feindlichen Kräfte beschäftigt und niederschlägt, während die ganz müßigen Kräfte für den Augenblick ganz neutralisiert sind.“[4]

Neutralisiert werden in einem kalten Winter, wenn ein Lager bezogen wurden, alle Kräfte auch ohne einen Gegner. Wenn die Ressourcen und Mittel nicht üppig sind und in kalten Zelten gehaust werden muss, kämpfen Streitkräfte statt mit anderen Streitkräften mit der Natur: Zelte schützen wenig vor Nässe und Kälte. Menschen verloren und verlieren ihr Leben durch Krankheiten. Die Natur schwächt alle Seiten so sehr, dass sie nicht aufeinander zu treffen brauchen, um jämmerlich zugrunde zu gehen.[5]

Nun könnte ein Lesendes den Einwand erheben, dass die moderne Technik doch selbst die Kriege besser macht: Man lagert nicht mehr unter freiem Himmel, in Hütten oder Zelten, und bekommt nicht zugesetzt von Wind und Wetter – außer Eins lebt im Freiland. Doch darauf gibt es zweierlei zu erwidern: Krieg war so nah an der Natur und ist so nah an der Natur, wenn nicht hier in den europäischen Städten, dann an anderen Orten dieser Welt. Wir leben so fern von der Natur, dass wir uns kaum noch vorstellen können, wie es ist, unter ihr zu leiden. Und wenn dies stark in Vergessenheit gerät, sehnen sich Menschen nach ihr, da in ihrem Bewusstsein bloß noch das Leiden unter der Zivilisation existiert. Doch treibt sie der Wahnsinn erst einmal in das Freiland, so erinnern sie sich im Nu wieder an die Dramatik der Natürlichkeit. Und so sehnen sie sich in unschuldigem Unwissen über die Übel, die auch in europäischen Städten vorzufinden sind.[6] Zweitens: Der Krieg erfordert die äußerste Anstrengung der Kräfte[7] und ist am Ende nach Einsatz aller Technologie, wenn Eins selbst, wie auch Gegner noch im Kampfe verblieben sind, eine physische Auseinandersetzung zwischen Menschleins. Denn was passiert, wenn die kleinen und großen Drohnen einander und unsere Städte zerstören? Es bleibt die Natur. Und wenn wir dann nicht aufgeben, und ein Gegner ebenso weit die Zerstörung aller großen Technik zu erleben hatte, dann ist ein Krieg der Neuzeit von einem Krieg der frühen Altzeit nicht zu unterscheiden. Nur, wenn ein Krieg schnell vorbei ist mit unserer Technologie, also ein Gegner schnell überwunden wurde, hat sein Ende weniger Ähnlichkeit mit einem alten Krieg. Es ist ein gegenseitiges Entrüsten.[8] Ein Krieg erfordert alle Mittel, bis sie nicht mehr vorhanden sind. Und solange Menschen einen Willen zum Krieg haben, solange gibt es Menschen. Und das letzte Mittel von Menschen – sind Menschen. Wie auch die erste und letzte Heimat die Natur ist. Ein Krieg ist ein Krieg – damals und heute.

Versorgung

Bleiben wir also beim alten Krieg und zeigen anhand dessen die Grundprinzipien. Wenn eine Armee Fortschritte geographischer Art macht, so rückt sie vor und vor und immer so weiter. Doch wie erhält sich die Armee? Wie alle Entitäten muss mensch ihr Ordnung zuführen und ihre Unordnung abführen. Wie ernährt sich eine Armee? „Der Krieg ernährt den Krieg“[9], wissen wir. Also ernährt sich eine Armee aus der Gegend, in der sie sich befindet. Die Menschen der Armee befriedigen diese und jene Bedürfnisse auf Kosten der dort ansässigen Menschen. Aber nicht alles, was eine Armee braucht, findet sie immer in der nächsten Besiedlung, wenn es überhaupt eine nahe gibt. Es braucht stets einen Kontakt zwischen der Basis und der Armee. Es braucht Versorgungsadern, die die Armee am Leben erhalten. Die Armee muss erstens stets Informationen austauschen mit der Basis – für die Armee direkt selbst und den Krieg als Ganzes. Zweitens braucht sie Nahrungsmittel (besonders, wenn sie sich nicht in ihrer Gegend versorgen kann), Bekleidung, Ausrüstung und Munition. Auch müssen auf irgendeinem Wege Verwundete oder auch mal Tote transportiert werden. Ohne die Verbindungslinien geht nichts. Sie sind „von entscheidender Wichtigkeit für das Heer […]. Diese Lebenskanäle dürfen also weder bleibend unterbrochen werden, noch zu lang und beschwerlich sein, weil immer etwas von der Kraft auf dem langen Wege verlorengeht und ein siechhafter Zustand des Heeres die Folge davon wird.“[10] Damit auch dieser Einblick in eine Äußerung der leidbringenden Grundprinzipien des Daseins nicht ausufert, wird hier nicht in die Tiefe gegangen. Doch ist es nicht mit sonderlich viel Mühe verbunden, sich vorzustellen, wie leicht Vorsorgunglinien und ihre Aufrechterhaltung in feindlichem Gebiet mit feindlich gesinnter Bevölkerung zu einem großen Aufwand oder einer großen Gefahr werden können. Was muss alles unternommen werden, um die Bevölkerung zu kontrollieren? Ist sie nämlich nicht unter Kontrolle, reißt der Kontakt, die Versorgung und der Nachschub zur fortschreitenden Armee ab, wodurch ihre schwierigen Bedingungen noch drastisch schwieriger werden. Es ist immerzu damit zu rechnen, dass Natur und Gegner ihr zusetzen. Und dann werden durch den Abbruch der Verbindungslinien, deren Zwecke noch größer als bislang dargestellt sind, noch die Bedürfnisse der bloßen Existenz einer Armee ungestillt. Die Sorgen werden unendlich, denn über all dies hinaus darf immer zu erwarten sein, dass Unerwartetes eintrifft – und dies ist selten gut.

Lage

Nur noch wenige Punkte sollen nun angesprochen werden, damit als bekannt angenommen werden darf, dass unser hier präsentiertes Grundprinzip des Leids sich in der Kunst des Krieges wiederfindet. Unter diesen wenigen Punkten finden sich nun die Überhöhen. Wenn etwas von oben nach unten fällt, eventuell fallen gelassen wird, und es wird nicht direkt (wieder) aufgehoben, so ist das ein Indiz für einen geringen Wert des Fallengelassenen. Wird etwas aufgehoben und auf erhöhter Lage, also mit mehr Lageenergie, deponiert, so darf es als ein sicheres Indiz für seinen Wert gelten. So findet Eins auch kaum ein kluges und gesittetes Mitmenschlein, das alles mit einem direkten Kontakt zu dem Boden, wie beispielsweise Schuhe, auf eine Oberfläche legt oder stellt, deren Zweck ein Höherer, im Sinne von Besserer ist. Sollte sich Eines auf eine Sitz-Oberfläche begeben wollen, so ist Es dankbar über jeden vermiedenen Kontakt dieser Oberfläche mit Schuhwerk. Was einfach ist, ist selten gut. Was wahrscheinlich ist, ist selten gut. Da alles dank Gravitation von unserer Perspektive aus nach unten fällt, und wir das Wertvolle vom Wertlosen am besten trennen durch das Exkludieren des wenigen Wertvollen als des vielen Wertlosen, heben wir das Wertvolle auf und lassen das Wertlose einfach liegen. Es ist eine Sache der Mathematik, allerdings eine, die niemanden überfordert. Unten sammelt sich also das Wertlose. Die Assoziation unten mit Dreck hat also eine Berechtigung. Und so überrascht es nicht, dass auch militärisch die Höhe eine Bedeutung hat. Auch wenn all dies trivial erscheint, ist es, wenn nicht unmittelbar, doch wenigstens über den Umweg der Gravitation miteinander verbunden, wie ein Militärexperte der Altzeit weiß:

„Jede physische Kraftäußerung von unten nach oben ist schwieriger als umgekehrt, folglich muß es auch wohl das Gefecht sein, und es liegen der Ursachen davon am Tage. Erstens ist jede Höhe als ein Hindernis des Zugangs anzusehen; zweitens schießt man von oben nach unten zwar nicht merklich weiter, aber man trifft, alle geometrischen Verhältnisse wohl in Betrachtung gezogen, merklich besser als im umgekehrten Fall; drittens hat man den Vorteil der besseren Übersicht.“[11]

Formation

Obwohl ihnen heute kaum noch eine Bedeutung beigemessen wird, so muss dennoch auch aus begrifflichen Gründen kurz von Gefechtsformationen die Rede sein. Entropie bedeutet einfach gesagt, dass sich Strukturen auflösen und seine Teile eine wahrscheinlichere Position einnehmen. Dagegen sind Gefechtsformationen etwas Unwahrscheinliches und dazu geht es bei ihnen im Kern darum, Einzelteile in eine Formation zu bringen. Wieso macht mensch das? Einfach gesagt: Zusammen sind wir stark. Wie ein Organismus mehr zustande bringt als einzelne Organe, Zellen oder Organellen für sich, so bringt auch immer Militärwesen eine Einheit aus Vielen mehr zustande als viele Einzelne. Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende, der Altzeit gab es für die Infanterie, also die Fußsoldaten, eine große Sorge: die Kavallerie, also die auf und mit Pferden kämpfenden Soldaten. Wenn eine Infanterie A auf eine Infanterie B trifft, so bilden sie beide eine Front zueinander. Womöglich ist der Kampf zwischen A und B dann ausgeglichen. Sie neutralisieren sich vielleicht. Wenn auf der Seite A allerdings noch eine Kavallerie A kämpft, so scheint es klug, mit ihr von der Seite zu attackieren, wo die Infanterie B keine geschlossene Front bildet und damit ungeschützt ist. So hat die Kavallerie ein einfaches Spiel. Mensch auf Pferd schlägt bei nicht allzu modernen Feuerwaffen leicht einige Fußsoldaten mit Geschwindigkeit, Lage und Stärke. Wie schützt sich nun idealerweise die Infanterie B? Natürlich ist es schwierig, wenn B nicht auch eine Kavallerie hat, aber die Infanterie B muss sich dennoch mal gegen die Kavallerie A positionieren. Sie praktiziert beispielsweise die Gefechtsformation Karree. Dabei bildet die Infanterie nach allen vier Seiten eine geschlossene Front aus. Dies ist natürlich anforderungsreicher als bloß eine einzige Front zu bilden und zu organisieren – und damit unwahrscheinlicher. Die Infanterie B versucht, keine offenen Flanken zuzulassen und befestigt Stichwaffen (Bajonetten) an ihren Feuerwaffen, wodurch sie Pferde zurückschrecken. Die Kavallerie A hat damit keine Möglichkeit mehr, einfach durch eine offene Flanke in die gegnerische Infanterie zu reiten und sie aufzulösen. Der Kavallerie A erscheint die Infanterie wie ein Igel, mit nach außen gestreckten Bajonetten. Dabei ist natürlich zu berücksichtigen, dass jede Gefechtsformation ihre Zeit hat. Sie ist ein Mem(plex), das unter bestimmten Umweltbedingungen lebt und sich verbreitet. Sobald es eine gegnerische Taktik gibt, die effektiv gegen eine Gefechtsformation ist, wird sie anzupassen sein. Schießt eine Artillerie A auf die dicht gedrängten Fußsoldaten B eine Granate, so hat sie erwischt sie viele Infanteristen mit einem Schlag. Auch nutzt das Karree nicht viel gegen eine andere Infanterie, da nicht alle Mittel, die Feuerwaffen, gegen sie eingesetzt werden, sondern an ihren anderen Flanken in Stellung gebracht wurden. Die Zeit des Karrees war die Zeit Napoleons, doch mit der technischen Entwicklung brauchte es neue Taktiken und Formationen. Die Hinterladegewehre, die es ermöglichten, die Waffen zu laden und dabei in Deckung zu bleiben, waren das Ende des Karrees. Heute sind seltener große Verbände von Infanteristen im Einsatz und ihre Formationen sind lockerer.

Führung

Ob nun eine Gefechtsformation eingenommen werden muss, oder fern ab von der Basis an der Front strategische Ziele in einer gewissen Reihenfolge verfolgt werden, es stellt sich die Frage der Führung von Menschen. Wie sollen Truppen geführt werden, wie streng soll die Hierarchie sein und wie groß soll die Autonomie der einfachen Soldaten sein? Soll die Machtdistanz groß sein und jede Entscheidung an der Front zunächst an die Basis geleitet werden, um von oberster Stelle alles zu regeln? Es hat sich – gewissermaßen in einem evolutionären Prozess – herausgestellt, dass eine Armee natürlich kohärent agieren muss, also zentral gesteuert. Gleichzeitig kann natürlich nicht jede kleine Entscheidung an der Front agierenden Soldaten an die Komandostelle gereicht werden, da dies zu (zeit-)aufwendig wäre. Hier gibt es natürlich Taktiken von berühmt gewordenen Persönlichkeiten, die eine Führung von der Front aus propagierten – und mit Erfolg in der Wüste untermauerten. Dank Moltke gab es jedoch ein einfaches Prinzip, mit dem eine Balance zwischen Autonomie und Kohärenz der Armee gefunden werden kann: Auftragstaktik. In der Hierarchie der Armee werden von ganz oben aus stets Ziele nach unten ausgegeben und die jeweils untere Ebene bekommt nicht gesagt, wie sie diese Ziele zu erreichen hat. Sie agiert selbstständig und denkt mit. Sie gibt wiederum selbst eine Ebene weiter nach unten eigene Ziele aus, mit denen sie ihr Ziel, welches sie von oben erhalten hat, bei Erfolg erreichen würde. Und so ist jede Ebene gezwungen, ihr Ziel zu erreichen und zu bedenken, wie sie es erreichen kann. Am unteren Ende hat der einfache Soldat dann sich mit einem „kleineren“ Ziel zu beschäftigen und muss nicht bei jeder Eventualität an die nächsthöhere Stelle anfragen, sondern er ist aufgefordert selbstständig zu denken.[12] Es gibt hier natürlich weitaus mehr zu sagen. Der Punkt ist jedoch, dass ein komplexes System zu schaffen war, das mit guten Strukturen auf Eventualitäten gut reagiert – effizient. Komplexität ist Ordnung, ist unwahrscheinlich. Sie fällt nicht vom Himmel, kann aber in einem evolutionären Prozess entstehen. Im Falle der Militärs sicher mit großem Schmerz. Im 20. Alt-Jahrhundert findet Eins, wie selbstverständlich auch schon die zwei Altjahrhunderte zuvor, einige Beispiele, wo die Führungsstrukturen eine große Rolle bei unwahrscheinlichen Erfolgen gespielt haben. Eines davon sind die Kriege im Nahen Osten, bei dem ein kleiner Staat mit zahlenmäßig kleiner Armee regelmäßig militärisch herausgefordert wurde und um seine Existenz zu kämpfen hatte. Dieser kleine Staat hatte zwar großzügige technische und finanzielle Unterstützung, dennoch stand er zahlenmäßig unterlegen an vielen Fronten und das auch noch in vielen Kriegen seinen Gegnern – auch mal überrascht – gegenüber. In diesen Kriegen zeigte sich, dass eine hohe Moral, also eine gewisse charakterliche Einstellung, gepaart mit einer guten Führungsstruktur zahlenmäßige Überlegenheit ausgleichen kann. Der einzelne Soldat musste besser ausgebildet sein in Taktiken und musste vielleicht auch eine andere Bindung zu dem großen Zweck seiner kriegerischen Mission haben. Es ist nicht einfach die Masse, die entscheidet. Es ist die Struktur einer Masse. Eine Masse zu haben ist vielleicht unwahrscheinlich, doch ist es noch unwahrscheinlicher, eine Masse gut zu strukturieren – auch wenn die Masse etwas kleiner ist.

Erdöl

Der letzte Punkt in diesem Kapitel soll noch kurz das Erdöl thematisieren. Obwohl bei Kriegen in der Regel auf Gegner und ihre Ausrüstung geachtet wird, und die eigene Situation meist als hinreichend bedacht erscheint, wenn die eigene Ausrüstung bedacht wurde, ist doch das Problem bei der Kriegsführung, wenn mensch die beiden Weltkriege betrachtet, in erster Linie der Betrieb der eigenen Maschinen, mit Energie. Es erscheint schnell plausibel, dass die Erdölversorgung kriegsentscheidend war, wenn mensch berücksichtigt, dass Europa ein erdölarmer Kontinent ist, aber zugleich (fast) alle seine Schiffe, Flugzeuge, Panzer, Jeeps und Lastwagen aller Kriegsparteien auf Erdöl angewiesen waren.[13] Wieder einmal ist das Unwahrscheinlichste das Notwendigste. Also auch aus diesem Blickwinkel ist das Überleben unwahrscheinlich. Alles stellt sich grundsätzlich gegen das Sein auf. Wenn Sunzi sagt:

„Im Frieden bereite dich auf den Krieg vor, im Krieg bereite dich auf den Frieden vor. Die Kunst des Krieges ist für den Staat von entscheidender Bedeutung. Sie ist eine Angelegenheit von Leben und Tod, eine Straße, die zur Sicherheit oder in den Untergang führt. Deshalb darf sie unter keinen Umständen vernachlässigt werden …“[14]

Dann meint Sunzi in Bezug auf den Krieg, letztendlich, dass von einer guten Vorbereitung auf (schwierige) Verhältnisse alles abhängt. Dies gilt wohl für den Krieg, aber nicht minder für irgendeinen anderen Bereich des Lebens. Eins bereite sich rational und ruhig vor, wenn Eins die Gelegenheit dazu hat. Wenn Es dies nicht macht, wenn es möglich ist, so wird es zu spät sein.

Wir können festhalten: Mit der Abstraktionsebene unserer Leid-Grundprinzipien ist auch das militärische Gebiet zu erschließen. Doch selbstverständlich sind Clausewitz, Moltke und Sunzi in militärischen Fragen durch die Konkretation zu bevorzugen. In jedem Fall steht aber abermals eine nicht auszumachende Falsifikation des Grundprinzips, um das sich in diesem Abschnitt von Teil A alles dreht: die Entropie.


[1] Clausewitz 1991, 191.
[2] Vgl. ebd.
[3] Ebd., 263.
[4] Ebd., 401 f.
[5] Vgl. ebd., 548.
[6] Vgl. Beiser 2016, 191.
[7] Clausewitz 1991, 195.
[8] Vgl. ebd., 953.
[9] Wird Albrecht Wenzel Eusebius von Waldstein, „Wallenstein“, zugeschrieben (Dreißigjähriger Krieg).
[10] Clausewitz 1991, 597.
[11] Ebd., 607.
[12] Vgl. Tetlock 2016, 216.
[13] Vgl. Ganser 2014, 67.
[14] Sunzi 2016, 157.

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