Perispasmos-A2: Entropie und Politik IV: Die Revolution

Im letzten Abschnitt wurde nun schon angedeutet, wie unser politisches System sich vor dem Zerfall schützt. Ein jedes System muss Negentropie aufnehmen und Entropie exportieren, ob Mensch oder Memplex, oder eben Diktatur wie Demokratie. So auch unser politisches System des Freien und Fortschrittlichen Europas!

Die Revolution auf dem europäischen Kontinent begann offiziell 11.925 NZ, doch formierten sich die neuen politischen Kräfte schon zuvor. Innerhalb von wenigen AZ-Monaten kamen in vielen europäischen Städten und auch einigen Städten der damals nicht offiziell europäischen Ländern, welche sich in unmittelbarer Nachbarschaft zum Europäischen Staatenbund (ESB) befanden, Menschen zusammen, die an das Gesicht der neuen Bewegung für eine wirklich europäische Sache glaubten. Sie glaubten an Nytakas Suiger. Suiger war von jetzt auf gleich populär und in den Medien präsent. Politiker alter Parteien der vielen alten Staaten hatten über viele Jahrzehnte massiv Vertrauen eingebüßt, da sie weder die Bürger adäquat einbanden, noch die Krisen des Kontinents zu lösen wussten. Doch wollten die Menschen des alten Kontinents die europäische Idee nicht aufgeben und hatten verzweifelt nach etwas gesucht, an das sie glauben konnten. Und so gab es unter dem Druck der Straße, bzw. der Straßen im ESB und kulturell verwandeten Staaten die Wahlen, welche nun als die ersten Wahlen des Freien und Fortschrittlichen Europas gelten – und die Revolution begann, so wie wir sie heute unter dem Begriff der Ata-Jahre kennen.

Was bedeutet eine Revolution im Sinne unseres Berichts über die Schlechtigkeit der Welt bzw. der Grundprinzipien der Welt? Ein politisches System kann sich nicht mehr halten und ein Herrschaftssystem stürzt ein. In der Regel folgen dann Kämpfe im neuen Machtvakuum und darauf folgt eine Konsolidierung. In Europa bzw. allen Vorgängerstaaten des FFE konnten die alten Herrschaftssysteme nicht mehr die Energie aus ihrer Bevölkerung absorbieren bzw. einbinden, um sich aufrechtzuerhalten. Die Energie der Bevölkerung, ihr Wille sich zu beteiligen, ging in die Bewegung des Nytakas. Sie versprach den Aufstieg. Ihr schlossen sich viele Menschen an, die zuvor – im Interesse aller – sich nur mit Politik zu beschäftigten hatten, wenn ihre Leidenschaft oder Berufung innerhalb des Systems nicht mehr auszuüben war. Dies sieht Eins auffallend gut am Beispiel des Gageasse Aruoma aus Leliseram. Für zwei Amtszeiten war Aruoma Mitglied in der Zweiten Kammer unseres Parlaments. In esses ersten Amtszeit war dieser Senat freilich noch die einzige Kammer des FFE-Parlaments. Gageasse Aruoma schloss sich an esses Geburtstag am 25. Januar 2032, also wenige AZ-Monate vor der Wahl von Nytakas Suiger 11.925, der Bewegung an. Aruoma war ein damals ein junger Politikneuling. Esses Feld ist die Mathematik, wo Aruoma auch nach den zwei Legislaturperioden wieder zu finden war. Vor esses erster Legislaturperiode hatte Aruoma schon einige Preise auf dem eigenen Feld gewonnen und war eine respektable Person. Gageasse Aruoma war unter den vielen absoluten Politikneulingen eines der auffallendsten, da mit Aruoma das Prestige der Bildung und der Genialität zur Bewegung stießen. Aruoma ist ein Mensch mit langen dunklen Haaren, stets bestens gekleidet in feinen Anzügen und einem Habitus, der an alte französische Edelmenschen erinnert. Nicht abgehoben, aber ein Wesen aus einer anderen Zeit, vielleicht eine Zeit, aus der alles zu gut war für die weltlichen Krisen der einfachen Leute. Doch das war eben der Punkt: Vor 11.925 gab es Alt-Jahrzehnte voller politischen und wirtschaftlichen Krisen (welche zunächst nicht als politische begriffen wurden), die so fundamental an Grundsätzen und Werten Europas rüttelten, sodass auch ein Gageasse-Aruoma-Menschlein, das nirgends anders beheimatet sein kann als in einer Mathematikabteilung einer alten, mit Kirschholz ausgestatteten Bibliothek eines Landsitzes vom Hochadel sehr alten Blutes, sich zur Beschäftigung mit der Trivialität des Politischen genötigt sah. Dieses edle Wesen tat nichts um der Wirkung und dem Gefallen anderer wegen, sondern lebte in jedem Atemzug und jeder Handlung den eigenen Charakter aus, von Grundsätzlichem bis hin zu den allerfeinsten Zügen esses Wesens, sodass die Wertschätzung, die Aruoma Fröschen entgegenbringt, sich in esses drei silbernen, großen Ringen an zwei kleinen Fingern und dem linken Zeigefinger, sowie an esses roten Ohrringen widerspiegelte. Das Bild, das ein edler Mensch in feinem Anzug und Krawatte, mit langen Haaren, erhabenen Gang und edler Eloquenz zusammen mit Fröschen erzeugte, wirkte dennoch auf esses Gegenüber. Es erleichtert den Umgang mit Gageasse Aruoma scheinbar enorm, wenn sich von esses Genialität nicht bloß Wissen oder Intelligenz erahnen lassen können, sondern dazu noch eine Art von Verrücktheit, welche weniger suspekt als viel mehr sympathisch oder eigen erscheint.

Warum ging Gageasse Aruoma in die Politik? Es sah, dass Grundsätzliches in Europa nicht mehr stimmte. Gageasse konnte nicht umhin, als von der Mathematik abzulassen und die Prinzipien Europas zu verteidigen. Gageasse hatte verstanden: Es war schlicht und einfach der Moment gekommen, in denen es nicht mehr um nationale Politiken ging, sondern um Europa. Nicht um ein Kerneuropa, sondern um ein Europa, das auch Menschen unterstützt, die am Rande oder außerhalb des politischen Europas des alten Staatenbundes lebten. Es ging in dieser Geschichte endlich um Menschen, von Europas Werten träumten, ganz gleich, ob ein gegenwärtiges politisches Europa diese verwirklichte. Und Natakas Bewegung bot ihnen allen Hoffnung. Nytakas setzte nicht auf ein kleines Europa, sondern auf eine großeuropäische Lösung. Für Gageasse Aruoma war zudem entscheidend, dass sich die Bewegung nicht beschränkte auf eine politische Ideologie, sondern sich Lösungen widmete und dabei von überall her mit Konzepten versorgte. Diese Bewegung setzte auf den Fortschritt und pragmatische Lösungen, deren Vorbedingungen die Freiheit der Menschen in der Gesellschaft zu Bedingungen der Gesellschaft (und dem Fortschritt der Gesellschaft) und auch die Möglichkeit der Freiheit von Individuen von der Gesellschaft, also außerhalb der Gesellschaft in Europa, waren.

Als Politiker des alten Europas die vielen Krisen des alten Kontinents nicht mehr lösen konnten, und mit den immer autokratischeren Systemen am Rande Europas nicht adäquat umgehen konnten, und damit ihren und jenen Bevölkerungen die Werte und Träume Europas nicht mehr wirklich aufrechterhalten konnten, kamen Fachleute außerhalb der Politik, wie Gageasse Aruoma aus der Mathematik, selbst in die Politik. Die Politik ist ein Apparat, den sich Gesellschaften erlauben können, wenn sie grundsätzlich ein System haben oder sich geschaffen haben. Dieser Apparat verwaltet dann vor sich hin. Doch handelt es sich bei so einem Apparat um ein komplexes System, in dem viele Fliehkräfte wirken. Jedes Element dieses Systems hat eigene Interessen: Es will innerhalb des Systems eine dominante Rolle zunächst erhalten und dann behalten. Dafür sind diese Elemente bereit, das System zu modifizieren. Dass eigentlich das Ideal eines solchen Systems seine der Gesellschaft dienende Rolle ist, gerät schnell in Vergessenheit – im System und in der Gesellschaft. So saugt das System gerne Ressourcen aus der Gesellschaft in das System – aber nicht, um die Stabilität der Gesellschaft besser zu gewährleisten, sondern um einzelnen Elementen des Systems besser zu dienen. Wenn nun das System die Gesellschaft nicht mehr aufrechterhält, bricht es selbst zusammen. Und so muss die Gesellschaft ein neues Herrschaftssystem aufbauen. Dies ist deutlich aufwändiger als eines zu erhalten. Die Eliten der Gesellschaft sind dann gefragt. Sie haben Kompetenzen auf anderen Gebieten gezeigt, während das Politiksystem meist bloß Karrieren nach ganz anderen Mustern stützt (das wird noch Thema sein im Unterkapitel A3: Ein Leben ist zum Erleiden da), in diesem Fall aber tatsächlich gescheitert ist.

Bevor nun die Abwehr von Entropie im FFE dargestellt wird, noch ein Punkt zur Bewegung: In solchen Zeiten braucht es deutlich mehr Aufwand und Einsatz als zu normalen Zeiten, da viele Ideen und Interessen im Wettstreit sind. Gageasse Aruoma war ein leidenschaftlich kämpfendes Menschlein der Bewegung und damit eines der zentralen Wesen im Aufbau des neuen Europas. Solche Wesen braucht es dann. Was war dafür der Schlüssel? Es hatte sich Anfang 2032 AZ mit Nytakas Suiger getroffen und hat esses Visionen und Pläne verstanden. Gageasse Aruoma konnte sich absolut auf Nytakas Gedanken einlassen und sie sich zu eigen machen. Gageasse war ergriffen von Suiger, weil die zentralen Ideen dahinter ergreifend waren. Das Zentrale dahinter sind die Gedanken des Perispasmos. Und die Schönheit dieser Gedanken waren (und sind) verführerisch. Sie waren zu schön, als dass ihr künftiger Erfolg infrage zu stellen waren. Der Zauber der möglichen Zukunft machte Aruoma optimistisch, sehr optimistisch. Und nur mit dieser optimistischen Einstellung ist etwas anzufangen. Nur so konnte Europa nach vorne gebracht werden. Es gab kein Verstecken, kein Zaudern. Es gab nur den Erfolg, der noch umzusetzen war. Und so begann die Revolution.

0 Antworten an “Perispasmos-A2: Entropie und Politik IV: Die Revolution”

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahren Sie mehr darüber, wie Ihre Kommentardaten verarbeitet werden .