Perispasmos eine philosophische Fiktion

Perispasmos-A2: Entropie und Wirtschaft

Voraussichtliche Lesedauer: 16 Minute(n) …

Wie zeigt sich nun an der Wirtschaft oder in Wirtschaftssystemen, dass gut ist, was Entropiearmut hat oder ist? Und wie ist das menschliche Leid in der Wirtschaft konstitutiv, wenn es doch für alles konstitutiv ist?

In den allerfrühesten Jahren der Menschheitsgeschichte, als es weder Geld noch Schulden gab, waren Menschwesen auf den Tauschhandel angewiesen, so sagen es uns die Ökonomen (wohl irrigerweise).[1] Wilde sollen beispielsweise Wildbret, also Fleisch von wilden Tieren, gegen Felle oder Häute getauscht haben. Ihre ganze Wirtschaft sollte auf dem Tausch basieren. Eine friedliche Welt, in der Waren mit Nachbarn getauscht wurden. Es war unpraktisch, da Eines immer ein Anderes finden musste, das die Felle oder Häute brauchte, die mensch anbot. Vielleicht wollte das Andere Eier, aber weder Felle noch Häute. Vielleicht konnte mensch diese anderswo gegen Eier tauschen. Diese Geschichte scheint verständlich, wenn es zwar kein Geld, aber dafür einige Waren in unterschiedlichen Knappheiten gibt. Wie sonst sollte Eins zu Waren gelangen, wenn nicht durch den Tausch? Doch dies ist nicht mehr als Gründungsmythos der Ökonomie.[2] Die Wahrheit mag etwas weniger schön ausgesehen haben, so, wie auch die europäische Realität im Freeland weniger schön und ideal ist. Die Welt ist nämlich schlecht und grausam: Alle Lebensbedingungen sind mangelhaft, doch gerade ausreichend genug, um nicht komplett ungenügend zu sein – also ist die Welt weder so gut, der Existenz der empfindsamen Tierchen zu verneinen, noch so gut, eine schöne Existenz zu ermöglichen. Leben ist möglich, aber nie für mehr als einen Augenblick befriedigend. Gut oder gar sehr gut ist das Leben für Keines, was einsehbar ist allen Wesen mit offenen Augen und wachem Verstand.

Die Wahrheit über die Anfänge der Wirtschaft sieht so aus: Es war fast immer ein Handel auf Messers Schneide, mit Eifersucht und Aggressionen. Nicht selten gab es Gerangel und Tote. Musik, Tanz und sexuelle Annäherungen verdeckten bei den Wilden nur schlecht, wie groß die Feindseligkeit war, getrieben von der eigenen Not und dem Wissen um die Not der Anderen. Der Austausch von Gütern war immer von existenzieller Not getrieben und verbunden mit Krieg, Leidenschaft, Abenteuer, Geheimnis, Sex und Tod.[3] Unsere altzeitlichen Ökonomen ab dem 18. AZ-Jahrhundert hatten gemeint, Wirtschaft wäre das trockene von Leidenschaften getrennte rationale Handeln, das es nicht einmal wirklich in der späten Altzeit vor Nytakas Revolution wurde. Doch damals, vor stabilen politischen Herrschaftssystemen, war Jedes permanent am Lauern, in großem und berechtigtem Misstrauen. Dies ist heute für Europäer zu betrachten im Freeland, wo die menschheitsgeschichtlichen Anfänge beeindruckend, doch ungewollt, reproduziert werden.

Wer heute geblendet ist von unserem stabilen politischen System sollte im Abschnitt Entropie und Politik mehr über den Aufwand erfahren, der betrieben wurde und noch immer wird, um Frieden zu gewährleisten und den immerzu drohenden Naturzustand Tag für Tag abzuwehren. Die Geschichten der Wilden von früher sind manchen Menschen zu blass und zu wenig erregend. Es kann keinem Menschlein angeraten sein, das Nomansland aufzusuchen, doch wer die Härte der Existenzbedingungen erfahren möchte und sich keiner anderen Mittel zu bedienen weiß, sollte den Schritt in die Wildnis wagen und hoffentlich mit Weisheit zurückkehren, wenigstens aber so zurückkehren, wie Es die Zivilisation verließ:

„Denn die Menschen lassen sich viel stärker von der Gegenwart beeindrucken als von der Vergangenheit [(auch von ihrer!)]; und wenn sie in der Gegenwart ihren Vorteil finden, genießen sie ihn und suchen nichts anderes […].“[4]

Vielleicht sind diese doch recht wenig konkreten Ausführungen über den Tauschhandel der Altzeit nicht genug für ein Menschlein europäischer Städte. So können wir uns nun vielleicht eher fragen, wo der Zusammenhang Entropie und Wirtschaft klar und deutlich zu sehen ist. Einer unserer großen Vordenker gab in esses zahlreichen Analogien, Gleichnissen und Beispielen der Welt mit einem imponierenden Text zu denken. Folgende Absätze entsprechen Teilen dieser Vorarbeit aus 5,8k NZ mit einigen Anpassungen:

Müll und Moneten. Was ist Geld? Geld hat drei Funktionen, wie Jedes in der Volkswirtschaftslehre weiß: Eins speichert damit einen Wert. Eins verrechnet Werte mit Geld. Und Eins tauscht mit Geld andere Güter ein. Wären Elefanten das anerkannte Tauschmittel unserer Gesellschaft, wäre dies aus mindestens drei Gründen unpraktisch: Elefanten können krank werden und sind daher keine guten Wertspeicher, wenn mensch von ihrer Reproduktionsmöglichkeit absieht. Dazu kommt, dass Eines Elefanten nicht ohne Weiteres teilen kann. Unsere Währungen sind immer so angelegt, dass es eine ausreichend kleine Größe gibt. Eines braucht in Europa keine halben Cents. Die Größe „Eurocent“ ist (besonders nach den Krisen vor den Ata-Jahren) klein genug, so kleine Werte haben wir im Alltag nicht. Unpraktisch macht die Währung „Elefant“ dazu auch, dass sie ziemlich schwer zu transportieren sind.

Eins mag behaupten, dass Geld noch eine andere Funktion hat: Es konserviert Herrschaftsverhältnisse. Das System funktioniert dadurch, dass es Geld gibt. Wenn Geld nicht hinterfragt wird, wie sollte man dann je zu dem Punkt kommen, zu überprüfen, ob Güter gerecht verteilt werden?

Was machen wir mit Geld?

Mensch kauft (oder mietet) mit Geld Arbeitskräfte, die ein Haus bauen, die aus einzelnen Nahrungsmitteln ein Gericht kochen, die den Müll entsorgen, die eine kaputte Jeans flicken, die dreckige Wäsche waschen, die Lebensmittel für uns organisieren, die uns an den Arbeitsplatz oder an andere Orte bringen, die uns Kaffee und Kuchen zubereiten oder bringen.

Eins kauft gute Lebensmittel, neue Toiletten, funktionsfähige Elektrogeräte, lesbare Bücher, schicke Schuhe, eine gute Kaffeemaschine, einen wertvollen Oldtimer, einen modernen E-Scooter, eine Eigentumswohnung in Uncemhen (anstelle eines Containters in Erlbin?!) oder vielleicht ein gutes Geschenk für Freunde, das Nutzen, Gefallen und einen persönlichen Bezug in sich vereinigt.

Keine Gesundes würde ein Mitmenschlein bezahlen, um umgebracht zu werden[5], um das eigene Haus zu zerstören, neben die eigene Toilette zu defäkieren[6], auf das eigene frisch erworbene „frisch belegte Brötchen“ zu spucken, etc.

Eines würde rationalerweise Folgendes nicht kaufen: faules Obst, gammelnde Möbel, von fremden Menschen bereits angebrochene Nuss-Nougat-Creme, fremde Schminke[7], zerstörerische künstliche Drogen, …

Eines könnte auch einem bedürftigen, freundlichen oder begehrten Menschlein das Geld schenken. Einem Menschlein hingegen, das beleidigend ist und keinen objektiven Bedarf zu haben scheint, würde mensch das Geld wohl nicht geben.

Mensch kann das Geld auch lagern. Mensch würde das Geld sogar in Tulpen stecken, wenn der Wert, der „im“ Geld steckt, dadurch (voraussichtlich) nicht gemindert wird. Vor einigen Hundert AZ-Jahren war das eine (kurzfristig) gute Idee. Heute steckt Eins es vielleicht in Gold, Immobilien oder Aktien.

Des Pudels Kern? Was liegt dem zugrunde, wofür der Rubel rollt, oder eben nicht rollt? Es ist die Entropie.

Menschen sind selektiv offene Informationssysteme, die Entropie exportieren können und auch müssen. All unsere Präferenzen und Handlungen sind im Kern darauf ausgerichtet. Wir nehmen die Entropie-Aversion nicht bewusst wahr, doch würden unsere Instinkte, unsere Vorlieben und unsere ganze Wahrnehmung fehlschlagen, wenn wir Menschen, wie andere Lebewesen und andere Informationssysteme auch, uns nicht so entwickelt hätten, dass wir vom Grundsatz her mit unserem Erleben und Handeln Entropie meiden.

Worum geht es nun aber bei den Kröten, um die sich viele unserer Gedanken drehen? Jeder Pfennig ist eine Größe von Entropiearmut.[8] Geld ist eine entropiearme Werteinheit, zum Exportieren von Entropie die gebraucht wird. Dies geschieht auf mehreren Wegen: Mensch erhält Geld durch eine Tätigkeit, die die Entropie in irgendeinem Bereich senkt.[9] Mensch speichert das Geld so, dass es möglichst wenig an Wert verliert. Mensch gibt das Geld aus, um Entropiearmut zu konsumieren, um Entropie besser exportieren zu können, oder um in der eigenen Umwelt die Entropie zu verringern (und vielleicht in Nachbars Garten zu exportieren, wobei auch das dafür dient, die eigene Entropie zu senken. Mensch will keine Entropie kaufen.

Das Geld steht für die Möglichkeit, es einzutauschen gegen Waren oder Dienstleistungen. Wenn Eins einen Apfel kauft, erhält Es Nahrung, die die Funktion des eigenen Verdauungssystems abhängig von anderen Größen im eigenen Körper verdaut und einen Output produziert. Das Verdauungssystem, das ein elementarer Bestandteil des Informationssystems „Mensch“ ist, nimmt aus dem Apfel das, was es braucht, um das Menschlein zu erhalten (und seine Fortpflanzung zu ermöglichen), und scheidet den Rest mit sonstigen „Abfällen“ aus.

Die Gene, die einen Körper schufen, der sich selbst gut am Leben erhalten und sich fortpflanzen kann, konnten Generation für Generation mit einer höheren Wahrscheinlichkeit überleben. Wenn die Umwelt plötzlich (d.h. in wenigen Generationen) eine andere war, ist es wahrscheinlich gewesen, dass Körper, die zuvor gut angepasst waren, nun nicht mehr „optimal“ auf die Umwelt reagieren. Letzten Endes bestanden immer Informationssysteme, die sich gegen die Entropie „wehren“ konnten. Fehlfunktionen gab es und gibt es immer wieder. Doch das ändert nichts am Grundsatz, dass es – vereinfacht gesagt – eine Menge von Vorbedingungen gibt, auf denen der Mensch selbst aufbaut: Was sich nicht gegen die Entropie wehren kann, besteht nicht. Manche Informationssysteme, also manche Pliroplexe, bestehen. Gene sind neben Memen die Art von Informationen, die unser Leben bestimmen, und sie sind es, die uns so funktionieren lassen, wie wir funktionieren, weil es funktioniert (gegen die Entropie – für den Moment).

Geld steht so auch für die Möglichkeit, mit Freunden Kaffee und Kuchen zu genießen. Eines mag der Meinung sein, dass Kaffee ungesund ist – und Kuchen ebenso. Ich will nun die Abkürzung nehmen, und einfach davon ausgehen, dass weder das Genießen von beliebten Heißgetränken noch das Genießen irgendwelcher Backwaren eine evolutionäre Fehlfunktion darstellen, die den Entropieexport des Pliroplexes „Mensch“ in einem Ausmaß stört, das direkt existenzbedrohend ist. Das Genießen von Kaffee und Kuchen mit Freunden hat noch einen sozialen Aspekt: die Freunde. Mensch beobachtet hin und wieder, dass Menschen Geld in andere Menschen investieren. Das ist in Bezug auf „egoistische Gene“ leicht zu erklären. Freunde zu haben, ist ähnlich zur Familie eine nützliche Sache, weil dadurch das eigene Überleben besser gesichert ist. Damit basiert auch die Pflege von Freundschaften auf der Entropieaversion.

Das Bauen von Häusern ist eine Dienstleistung, die Eines sich mit hinreichend viel Geld leisten kann. Dadurch wird ebenso die Entropie an einem Ort gesenkt. Und dazu nützt es noch dem Senken der Entropie in Menschen. Wenn wir keine warme Unterkunft haben, müssen wir frieren (Maslow -> physiologisches Bedürfnis!). Wir können, von der Kälte geschwächt, kaum etwas ausrichten, um unsere Gesundheit gut zu schützen – also den Schutz vor der Entropie aufrechterhalten. Falls Eins ein Eigenheim bauen lässt und sich von der Bank über den Tisch ziehen lässt, also Ressourcen verliert, selbst dann kommt die Entropie näher bzw. Eins hat stärker unter ihr zu leiden.[10]

Drogen zu kaufen und konsumieren[11] erscheint mit Blick auf die Entropieaversion dagegen vielleicht etwas widersprüchlich, wenn mensch hier proklamieren möchte, dass Menschen mit Memen und Genen Informationen (bzw. Informationssystemen) untergeordnet sind, die ihrerseits nur bestehen, wenn sie entropiemeidend sind. Aber es ist nicht widersprüchlich, weil mensch es nicht unbedingt als rational bezeichnen würde, Drogen zu konsumieren. Diese Rationalität, die uns sagt, dass es schlecht ist, unseren Körper zu zerstören, ist eine Art zu denken, die ihrerseits eine wahrscheinliche Möglichkeit ist, die auf Grundlagen aufbaut, die einen „guten“ Umgang mit Entropie haben müssen. Dass Menschleins Drogen konsumieren, kann sogar rational sein, oder es kann auf irrationalem Denken aufbauen, dem wiederum etwas zugrunde liegt, was vielleicht ursprünglich mal dem Meiden von Entropie genutzt hat. Rational kann ein Drogenkonsum zum Beispiel sein, wenn Eins Alkohol als sozialen Katalysator nutzt und somit die Wahrscheinlichkeit eines eigenen Reproduktionserfolges steigert, also sich einen Sexualpartner angelt (kurzfristiges Paarungsaktpaar).

Es gibt natürlich auch einige „Fehlfunktionen“, die dadurch entstehen, dass wir mit unserer Zivilisation (Mem-Evolution) die (Gen-) Evolution „überholt“ haben und die Evolution der Gene nicht schnell genug wirkt, um unsere Gene an Nahrung oder Meme anzupassen.[12] Unser „Steinzeit“-Körper lässt unser Lustzentrum hochkalorische oder zuckerreiche Mahlzeiten belohnen, während wir, arme unserer selbst bewussten Tiere, uns so nicht verhalten sollten, wollten wir gesund sein. Die biologischen Informationen, die uns zugrunde liegen, sind nicht „up-to-date“ und führen so gerne mal zu einem Körper, der mit 60 AZ-Jahren (22 NZ-Jahren) fettleibig ist, vielleicht Demenz, Diabetes, multiple Sklerose oder Ähnliches hat. Zugegeben, hier spricht ein „Anhänger“ der Paleo-Ernährung, die das Heil in natürlichen Lebensmitteln, an die sich unser Körper in Millionen von Jahren angepasst haben soll, sucht.

Warum würde mensch beispielsweise keine fremde und benutzte Schminke kaufen mit dem eigenen entropiearmen Tauschmittel? Gebrauchte Dinge verlieren die Integrität, welche Eines ihnen unterstellt, wenn sie noch neu sind. Ein Nuss-Nougat-Creme-Glas beispielsweise ist, wenn es noch nagelneu ist und die Schutzfolie noch nicht ab ist, noch gefüllt mit unberührter Nuss-Nougat-Creme mit glatter Oberfläche. Noch kein dreckiger Finger war im Glas, auch kein mit Brotkrümel oder Butter beschmutztes Messer war schon im jungfräulichen Nuss-Nougat-Creme-Glas (auch kein Löffel). Die Nuss-Nougat-Creme ist noch gut (so lecker wie eh und je, so ungesund wie künstliche Nahrungsmittel sein können). Doch sobald die Struktur der Oberfläche dieses Nahrungsmittels im Glas nicht mehr die ab Werk gewohnte ist und die Nuss-Nougat-Creme „berührt“ aussieht, wird mensch zu Recht kritisch. Wer war da bereits drin? Ist es noch gut? Ein halb leeres Nuss-Nougat-Creme-Glas ist nur noch attraktiv, wenn mensch selbst dasjenige war, das diese Oberflächenstruktur erzeugt hat, oder wenigstens ein Vertrautes. Ein „Wer war an meinem Nuss-Nougat-Creme-Glas?“ sollte Eins ernst nehmen! Unordnung im Nuss-Nougat-Creme-Glas, auf dem eigenen, mit Essen befülltem, Tellerchen ist ein kritischer Zustand. Das ist genauso wie mit einem fremden Lippenstift oder fremder Creme. Warum? Mensch weiß nicht genau, was es ist.[13] Das Problem ist, wie bei dreckiger Wäsche, die Entropie! Die Struktur, die Eines kennt, oder die Struktur, die Ordnung und Entropiearmut verspricht, sind die willkommenen. Das ist so, weil die Informationssysteme, die uns ausmachen, „gelernt“ haben, dass Entropie gemieden werden muss. Das bestimmt auch direkt unsere Vorstellung von Ästhetik. Doch das ist ein anderes Thema …

Geld ist – analog zu einer „Gefängnis frei Karte“ bei bekannten Brettspielen – eine Karte, die zum Export von Entropie berechtigt/ermöglicht.

Abgesehen von Konsumentscheidungen von Stadtmenschleins lässt sich der Zusammenhang von Entropie und Wirtschaft gut bei der Ineffizienzen in Märkten, bei der Geldwertschöpfung und der Inflation erfahren:

Auf einem freien Markt treffen Angebot und Nachfrage aufeinander. Entsprechend der jeweiligen Angebots- bzw. Nachfragefunktionen bilden sich Gleichgewichtspreise. Wenn Strom – wie es in den alten Zeiten in den Vorgängerstaaten des Freien und Fortschrittlichen Europas üblich war – atomar erzeugt wird, entstehen zunächst zwei Arten von Kosten, die in die Angebotskurve einfließen: Es gibt Fixkosten, die ab der ersten Kilowattstunde anfallen, und es gibt Kosten, die mit steigender Zahl von Einheiten (es kann sich um eine höhere Leistung handeln, etwa 2.000 Megawatt anstelle von 1.500 MW, oder aber ein längerer Betrieb, etwa 900.000 GWh) auch steigen. Zu den ersten Kosten gehören beispielsweise das Kraftwerk an sich, das betrieben werden muss, unabhängig von seinem Output. Zu den letzteren Kosten gehört das Uran, welches in höheren Mengen vom Kraftwerksbetreiber erworben werden muss, wenn höhere Mengen Output produziert werden müssen. Zu den Kosten eines Kraftwerks, die der Betreiber selbst zu tragen hat, gehören Mitarbeiter, Roh-, Hilfs- und Betriebsstoffe, Lizenzen, Versicherungen, Entsorgung (natürlich von Entropie) und sicherlich noch einiges mehr. Die Kosten jedoch, die das Kraftwerk insgesamt verursacht, also volkswirtschaftlich gesehen, können allerdings etwas (oder deutlich) darüber liegen. Der Atomstrom war (in Europa) und ist (im Rest der Welt) im Angebot recht günstig. Die Kosten, die Betreibende haben, scheinen nicht besonders hoch zu sein. Bedenkt Eines allerdings, welche Kosten nach einem „größten anzunehmenden Unfall“ (GAU) (oder Super-Gau, was begrifflich doch recht fragwürdig ist) auf die Bevölkerung, die Umwelt oder die Volkswirtschaft zukommen, so scheint der Atomstrom sehr günstig zu sein. Sicher, ein GAU geschieht nicht alle drei Jahre, und die Betreiber zahlen Versicherungsbeiträge, doch wann hat je eine Versicherung in einem solchen Fall tatsächlich die Milliarden Dollar, die innerhalb der nächsten Jahre anfallen, oder die Billionen Dollar, die über einen längeren Zeitraum anfallen, komplett übernommen? Und ist es überhaupt möglich, in Zahlen auszudrücken, was ein GAU verursacht an besagten Schäden für die nachfolgenden Jahrhunderte? Wohl kaum. Es gibt Kosten, die sind – wenn wir uns im Milieu der Wirtschaftswissenschaftler bewegen – als volkswirtschaftliche Kosten zu bezeichnen. Diese können über die privaten Kosten, welche von Betreibern bezahlt werden, abweichen – und zwar deutlich. In diesem Fall ist der Markt nicht besonders effizient. Es entstehen hier und auch in (sehr) vielen anderen Fällen negative externe Kosten (bzw. Effekte), die nicht internalisiert (und auch nicht wirklich internalisierbar) sind. Also die Kraftwerksbetreiber müssen die eventuell in Euro ausdrückbaren Kosten, die mit einer geringen Wahrscheinlichkeit eintreten, nicht bezahlen. Sie laden das Risiko bei der Gesellschaft ab, wie auch die Endlagerungsprobleme vdes Atommülls. Ein Staat könnte nun den Atomstrom verteuern, indem er die wahren Kosten per Steuer in die Kosten des Betreibers inkludiert: „Man sagt von solch einer Steuer, sie internalisiere die externen Effekte, da sie Käufer und Verkäufer im Markt den Anreiz vermittelt, die externen Effekte ihrer Aktivitäten zu berücksichtigen.“[14]

Vereinfacht zusammengefasst: Wenn Eines Aktivitäten hat, die andere Menschleins tangieren, kann das für andere Menschen negativ oder positiv sein. Es handelt sich dann um negative oder positive externe Effekte. Was freiwillig die öffentlichen Straßen kehrt, kann sich vielleicht (moralisch) gut fühlen, bei dieser Aktivität, dieser guten Tat, aber in der Regel hätte Es keinen großen Anreiz dazu. Es verursacht aber positive externe Effekte, da die Mitmenschen und die Volkswirtschaft davon profitieren. Eines reduziert auf den Straßen Entropie. Der Staat könnte das gute Menschlein, welches kehrt, nun bezahlen für die Tätigkeit, und somit positive externe Effekte internalisieren, damit das gute Menschlein etwas davon hat (obwohl dies eventuell korrumpierend wirkt!). Im Falle der negativen externen Effekte berücksichtigt Eines nicht, was Es an Schlechtem mit eigenen Aktivitäten erzeugt und auf Andere ablädt: Müll illegal entsorgen oder mit einem Verbrennungsmotor Abgase erzeugen, die außerhalb des eigenen Fahrzeugs „entsorgt“ werden. Welche Sorgen ergeben sich, wenn die Abgase im eigenen Automobil entsorgt würden und diese negativen Effekte internalisiert würden?

Was hat dies nun mit Entropie zu tun? In den offensichtlichen Fällen wurde bereits erwähnt, dass es natürlich um Entropie und darum, bei wem sie „landet“, geht. Allerdings muss nun ein kleiner Perspektivwechsel erfolgen: Ein Wirtschaftssystem fällt zunächst einmal gewissermaßen vom Himmel. Es entsteht ohne bewusste Planung. Es ergibt sich, wenn Menschen oder Gesellschaften wirtschaften und Ressourcen verteilt werden (müssen). Irgendwann beginnen Gesellschaften bzw. Staaten damit, eine Wirtschaftspolitik zu betreiben und ein für die Verteilung von Gütern oder Ressourcen optimales System anzustreben. Dabei sind viele Faktoren zu beachten und diese Komplexität macht es schwer. Selbst wenn alle Wirkungen und Ursachen von auftretenden Effekten bekannt wären, wären es solcher noch zu viele – und nicht alle sind einfach beeinflussbar, noch nicht einmal von allen Staaten gemeinsam, noch weniger von einem Staat alleine in der globalisierten Welt. Ein gutes System ist insofern entropiearm, es ist kein zufälliges System, sondern elaboriert durch Erfahrungen und Fachleute. Eine Veränderung der Umwelt des Systems kann es zum Zusammenbruch bringen (bspw. ein Krieg oder ein GAU – oder früher eine schlechte Ernte).

In diesem Kontext könnte Eins noch über die Geldwertschöpfung sprechen und über die Feinjustierungen in der Geldpolitik sprechen. Doch wäre der Nutzen dieser weiteren Einheit nicht mehr so groß, obgleich dieses Gebiet sehr interessant ist – aus einer Schul-VWL-Perspektive wie auch mit einer politischen Brille.

Dagegen haben die Worte eines erfolgreichen Wirtschaftsministers aus FFE-Mitte noch einen großen Nutzen, wenn es um das Verständnis der Entropie im Kontext eines Wirtschaftssystems geht. Viele AZ-Jahrzehnte bevor in Europa endlich das Mittel des Wettbewerbs und der Leistungsgerechtigkeit wirklich für Aufstiegschancen Aller sorgten, wusste Ludwig Erhard schon:

„Das erfolgversprechendste Mittel zur Erreichung und Sicherung jeden Wohlstands ist der Wettbewerb. Er allein führt dazu, den wirtschaftlichen Fortschritt allen Menschen, im besonderen in ihrer Funktion als Verbraucher, zugute kommen zu lassen, und alle Vorteile, die nicht unmittelbar aus höherer Leistung resultieren, zur Auflösung bringen.“[15]

Erhard wusste, dass der Wettbewerb das beste Werkzeug ist, um Wohlstand zu schaffen. Dieses Werkzeug wurde freilich erst mit der Gründung des FFE in Gänze genutzt, um die Menschheit, wenigstens die europäischen Menschleins, voranzubringen. Das FFE perfektioniert mit Nytakas Suiger die Gesellschaft auf allen Ebenen. Doch kann sich auch Europa nicht darauf verlassen, dass eine einmalige Einführung eines neuen Wirschafts- und Gesellschaftssystem mit evolutionären Elementen Fortschritt auf Dauer garantiert. Erhard wusste nämlich: „Die Gefahr einer Beeinträchtigung des Wettbewerbs droht sozusagen ständig und von den verschiedensten Seiten her.“[16] Auch das beste System ist also dem Untergang geweiht, wenn nicht stets entgegengewirkt wird. Die Entropie wirkt gnadenlos, überall.

Als letztes Beispiel zum Zusammenhang zwischen Entropie und Wirtschaft könnte die Unternehmensgeschichte von Apple dienen, in der sichtbar wird, wie auch das angesagteste Unternehmen zweimal aus einer Position wirtschaftlicher Stärke Richtung Abgrund schlittern kann, einmal ab Mitte/Ende des Monats 994-3 NZG (1985 AZ) und dann das bisher letzte Mal mit dem denkwürdigen Ereignis der amerikanischen Technikwelt am 20.108 NZ. Doch soll es nun um Unternehmenskultur ohne Bezug auf dieses Unternehmen gehen: Organisationen im Allgemeinen und Unternehmen im Besonderen entwickeln im Laufe der Zeit eine eigene Kultur, in Bezug zur Kultur der Gesellschaft, in welcher sie eingebettet sind, eine Subkultur. Diese besteht erstens aus Basisannahmen über Umweltbezug, Wahrheit, Zeit, Menschen, Menschliches Handeln und Soziale Beziehungen. Diese Annahmen sind Grundhaltungen, die sich im Zuge von Geschäftsbeziehungen von Angestellten und insbesondere von der Geschäftsleitung durchsetzen. Solche Annahmen sind meist unbewusst und unsichtbar. Um das Stereotyp von Juristen zu bedienen: Sie misstrauen Menschen eher, begegnen ihnen nicht wohlwollend und sehen in jeder ihrer Handlungen mit altruistischem Schein einen machiavellistischen Schachzug mit vorausberechnetem Eigennutzen (und natürlich negativen externen Effekten). Juristen sehen eventuell alle Aktionen von Behörden, wie etwa negative Bescheide bzw. Verwaltungsakte, als ein bloß (kurzzeitig) aufschiebendes Hemmnis, weil es einen Klageweg gibt. Wer über einen Ausbildungsweg in diesem Milieu landet, wird eventuell die Umwelt als etwas formbarer wahrnehmen als Menschleins aus einem etwa finanzschwachen Umfeld ohne diese (spezielle) formale Qualifikationen.[17]

Die Unternehmenskultur besteht nun zweitens aus Normen und Standards. Diese sind teilweise sichtbar und teils unbewusst. Es geht dabei um Maximen, Richtlinien und Verbote: Es gibt in einigen Unternehmen von verschiedenen Managementebenen explizite oder implizite Anweisungen, den Kontakt zur Geschäftsführung formal zu halten, gewisse Sozialstandards einzuhalten, Folgen von Handlungen ethisch zu reflektieren, einander bloß konstruktiv zu kritisieren, Kritik als Geschenk wahrzunehmen oder Mitmenschen körperlich nicht zu nah zu kommen.[18]

Drittens gibt es noch die Sprache, Rituale, Kleidung und Umgangsformen, die als sichtbare Symbole und Zeiten Teil der Unternehmenskultur sind. Zu diesen sichtbaren Symbolen und Zeichen gehören Unternehmensfarben, das Logo, Kleidung, Begrüßungsformen und Aufnahmerituale.[19]

Eine Unternehmenskultur kann ein Unternehmen nicht nicht-haben, es gibt immer eine. Es stellt sich immer nur die Frage, wie „gut“ sie ist oder passt (etwa ins Unternehmensumfeld). Es kann sein, dass die Führungsetage neue Normen und Denkweisen einführen will, weil die Firma etwas aus der Zeit gefallen ist und in Gefahr gerät, auf dem Markt immer weniger Anteile an Umsätzen zu haben. Eine gute, also nützliche Unternehmenskultur ist keine, die mit einer hohen Wahrscheinlichkeit automatisch sich findet. Es braucht einen Aufwand, um eine eigene „Story“ zur Identifikation und zur Bindung an Werte zu generieren. Möglichst viele Mitarbeitende sollen möglichst stark die substanziellen Elemente der von der Leitung gewünschten Kultur internalisieren. Dies kann leichter durchgeführt werden, wenn Ereignisse oder bestimmte Geschäfte mit anderen Unternehmen prägend sind und sie aktiv so gedeutet werden, dass Angestellte sich (eventuell aus einem Konflikt heraus) mit dem eigenen Unternehmen und der Art des Geschäftemachens identifizieren können. Jede Form von Aufmerksamkeit der Angestellten muss allerdings auch aktiv von der obersten Managementebene genutzt werden, um nach unten an untere Ebenen prägend für eine eigene Kultur zu sein. Eine gute Unternehmenskultur fällt nicht vom Himmel. Hinter der Einführung oder der Prägung und dem Erhalt einer guten Kultur steckt Arbeit.

Im Grunde genommen kann also auch im Bereich der Wirtschaft, sowohl aus betriebswirtschaftlicher als auch aus volkswirtschaftlicher Sicht, bestätigt werden, dass mit dem aus der Physik entliehenen Begriff und Konzept der Entropie der Kern des Wirtschaftens erfasst werden kann. Was als gut oder nützlich bewertet wird, ist schwer erworben und leicht verloren. Der Zerfall von dem, was gut oder ein Gut ist, lauert an jeder Ecke.


[1] Vgl. Graeber 2014, 41.

[2] Vgl. ebd.

[3] Vgl. ebd., 46.

[4] Machiavelli 2014, 103.

[5] Sicher sind solche Fälle abseits der lebensnahen Wirklichkeit denkbar. Das gilt auch für weitere Dinge oder Dienstleistungen, für die man rational eher selten einen Grund hat, sie zu erwerben.

[6] Fraglich ist zweifellos, ob das korrekte Verrichten eines solchen Geschäftes monetär zu entlohnen wäre.

[7] Verrückt anmutende Heldenverehrung der altzeitlichen Postmoderne sei mal ignoriert.

[8] Geld ist ein Pliroplex auf mehreren Ebenen: Geld kann physisch oder digital sein. Dazu kann man Geld auch memetisch wahrnehmen.

[9] (Wobei man letzten Endes selbstverständlich die Gesamtentropie steigert – immer! Wie Hawking in „Eine kurze Geschichte der Zeit“ schreibt, werden beim Lesen Informationen im Kopf gespeichert, doch dabei steigern wir alleine durch unsere Existenz die Entropie [außerhalb von uns] um ein Vielfaches!

[10] Um einigermaßen korrekt zu sein: Sie ist ein allgegenwärtiges Gesetz.

[11] Auch BAT-Unterhaltung sollte in diesem Kontext exemplarisch genannt sein!

[12] Das geschieht natürlich auch nicht bewusst.

[13] Bei künstlichen Pflege- oder Nahrungsprodukten weiß es wohl kein Konsument wirklich, aber wen stört das schon?!

[14] Mankiw 2004, 225.

[15] Erhard 2009, 15.

[16] Ebd., 17.

[17] Vgl. Schreyögg/Koch 2010, 342 ff.

[18] Vgl. ebd., 344 f.

[19] Vgl. ebd., 346 f.

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