Perispasmos eine philosophische Fiktion

Wie man den eigenen Tod für Andere gut gestaltet

Voraussichtliche Lesedauer: 4 Minute(n) …

Brauchen Sie Hilfe? Für Deutschland gibt es die kostenfreie Telefonseelsorge-Nummer: 0800 1110111. Dieser Text gehört zu den Fragmenten eines Projektes aus Philosophie und Fiktion. Der Text dient nicht primär der Wissensvermittlung und spiegelt nicht notwendigerweise die Meinung einer realen Person wider.

Die allerwenigsten Menschen suchen sich aus, wie sie sterben. Einige können es nicht, weil irgendwann das Schicksal einfach zuschlägt. Einige denken schlicht und einfach ungern an den Tod. Und andere Menschen kämen wohl nicht auf die Idee, den eigenen Tod zu planen. Die wenigen Menschen, die ihren Tod planen, gehören womöglich nicht zu der Mehrheit der Menschen, die das Leben verherrlichen.

Den eigenen Tod planen

Es gibt mindestens zwei Aspekte, auf die der eigene Tod hin geplant werden kann. Der prominente und offensichtliche Aspekt betrifft das Sterben. Wie und warum kommt es zum letzten Atemzug? Ist es der „goldene Schuss“ des Drogenkonsumenten? Oder hilft die Pistole mit einem Schuss in den Kopf? Vielleicht werden Schlafmittel bevorzugt, oder aber ein Sturz in die Tiefe? Unzählige Möglichkeiten bieten sich für das geplante, eigene, Sterben an. Der Suizid ist eine Möglichkeit, die wohl wichtigste Frage des menschlichen Lebens dem Schicksal zu entreißen und Freiheit zu erlangen.

Der andere Aspekt, auf den hin der eigene Tod geplant werden kann, betrifft in einem weiteren Sinne eine nicht ungewöhnliche Frage: Was hinterlasse ich? Oder: Was bleibt von mir? Im engeren Sinne geht es hier allerdings um den eigenen Tod in für Mitmenschen anständiger Weise: Was hinterlasse ich ganz konkret, welche Arbeit bleibt liegen, wenn ich sterbe?

Den Arbeitsplatz immer sauber hinterlassen

In der Ausbildung, im Arbeitsleben lernt man idealerweise, dass man den eigenen Arbeitsplatz immer sauber hinterlässt – auch wenn rational erwartbar und sehr wahrscheinlich ist, dass man ebendahin wieder zurückkehrt. Zum einen besteht immer die gar nicht so geringe Möglichkeit, dass ein anderer Mensch an diesem Arbeitsplatz sein Werk zu verrichten haben wird, und zum anderen dient es auch einem selbst. Hält man stets Ordnung, findet man Werkzeuge und andere Arbeitsmittel leichter wieder. Die Verschwendung von Zeit wird minimiert. Und wer täglich ein bisschen routiniert säubert, muss selten einen großen Aufwand betreiben. Außerdem wird das Bild, das andere Menschen von einem haben, besser.

Das eigene Leben „immer“ sauber hinterlassen

Was unterscheidet nun das Arbeitsleben vom privaten Leben? In vielen Aspekten sicherlich eine ganze Menge. In einem allerdings doch recht wenig. Ordnung ist generell das halbe Leben, ob nun Arbeitsleben oder Privatleben.

Aber auch die Frage nach der eigenen Rückkehr stellt sich öfter als man annehmen mag. Man erwartet sicher, jeden Morgen aufs Neue wieder aufzuwachen. Doch jeder Morgen kann der letzte sein, an dem man aufwacht. Und darüber hinaus kann jeder Tag der letzte sein, an dem man körperlich oder seelisch in der Lage ist, das eigene Leben zu organisieren.

Der Hauptunterschied ist freilich, dass man intendiert, an den Arbeitsplatz zurückzukehren. Bei der konkreten Planung des Lebensendes ist jedoch die Intention keineswegs, zurückzukehren. Wer auch immer mit dem Rest des Lebens eines anderen Menschen konfrontiert wird, freut sich allerdings über einen „sauberen“ Nachlass.

Was man hinterlässt

Was ist ein guter Nachlass? Ganz allgemein ist es offensichtlich gut, wenn Ressourcen zurückgelassen werden. Aber es geht hier nicht darum, ein großes Erbe zu hinterlassen. Es gibt kein postmortales Leben, in welches Güter mitgenommen werden, also darf und sollte – je nach Präferenz – vor dem Tod nicht gespart werden.

Worum es hier allerdings geht, ist die Abwicklung des eigenen Lebens. Der eigene Tod ist zwar das Ende des eigenen Lebens, aber abgewickelt ist es damit noch lange nicht. Es bleibt den Menschen, die im Leben (zurück-) bleiben, eine Menge Arbeit, die anständigerweise von einem Menschen, der seinen eigenen Tod plant, reduziert wird. Was ist also zu tun?

Idealerweise scheidet man nahezu unbemerkt aus dem Leben. Es bliebe nichts für andere zu tun. Doch wie es vor einer Geburt den Nächsten obliegt, Vorbereitungen zu treffen, so obliegt es den Nächsten, nach dem Tod Nachbereitungen zu treffen. Dazu gehören Sterbeurkunden, Vertragskündigungen, Wohnungsauflösungen und viele andere, auch emotionale Prozesse.

Was könnte man tun, um dies zu reduzieren?

  1. Man sollte die eigene Wohnung aufräumen und den Besitz (nicht notwedigerweise den Eigentum) minimieren. Das mindert den körperlichen, zeitlichen und emotionalen Aufwand der Nächsten, ein Leben abzuwickeln.
  2. Man sollte sich um einen niedrigen Body-Mass-Index bemühen, sodass ein Sarg, oder ein Transport des toten Körpers nicht unnötig schwierig wird.
  3. Man sollte die Schulden abbauen und möglichst auch etwas Geld für Bestattungskosten etc. übrig haben.
  4. Man sollte möglichst viele seiner Verträge kündigen und eine Übersicht über noch laufende Verträge und Verpflichtungen erstellen. Dazu sollte man auch alle Mitgliedschaften, Registrationen usw. kündigen oder klar dokumentieren, inkl. Passwörter.
  5. Man sollte unbedingt ein Testament erstellen, alle nötigen und möglichen Vorkehrungen treffen, bzw. Wünsche dokumentieren: Grab, Urne/Sarg …
  6. Man sollte eine Patientenverfügung anfertigen, für alle Fälle, auch falls ein Suizidversuch scheitert oder ein Unglück geschieht.
  7. Man sollte die sozialen Beziehungen abkühlen. Die größte emotionale Wirkung hat ein Ereignis, wenn ein Unterschied schlagartig wahrnehmbar ist. Eine graduelle emotionale Distanzierung über viele Jahre vor dem eigenen Tod reduziert die emotionale Härte, mit der der eigene Tod wirkt.
  8. Sofern Beziehungen nicht abgekühlt sind, können abhängig vom Eintreten des Todes Fragen über die Einstellungen des Gestorbenen zum Tod eintreten. Wer sich frühzeitig erklärt, macht vieles leichter.
  9. Man sollte keine Verantwortung für (neues) Leben übernehmen. Wer sich Haustiere im Angesicht des Todes anschafft, oder schlimmer noch, Nachkommen erzeugt, nimmt Verantwortung auf sich, die er mit dem Tod ungefragt einem anderen Menschen überträgt.
  10. Man sollte keine großen Projekte starten, die voraussichtlich nicht zu einem befriedigenden Ende kommen. Es darf niemals der Eindruck erzeugt werden, man hätte noch etwas großes vorgehabt. Wer mitten in der Arbeit an einem großen Projekt stirbt, und Energie und Leidenschaft nicht in ein fertiges Projekt gemündet sind, wird postmortal noch mehr bedacht und betrauert. Ziel-, sorg- und leidenschaftlos stirbt es sich einfach besser.

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