Perispasmos eine philosophische Fiktion

Perispasmos-A2: wichtige grundsätzliche Einsichten zur Entropie

Voraussichtliche Lesedauer: 7 Minute(n) …

Nach den Grundsätzen zur Entropie, nach Aussagen aus der Physik über die Entropie in Physik und Biologie und Ergänzungen, besteht nun die Möglichkeit, den vermeintlich sicheren Boden der Physikaussagen noch etwas mehr zu verlassen und sich vielleicht etwas aus dem Fenster zu lehnen. Mit nachfolgenden Feststellungen und Mutmaßungen wird sich die Zustimmung konventioneller Physiker nicht erringen lassen, dennoch wird Folgendes der Erklärung menschlichen Leids von großem Nutzen sein.

Die folgenden Kapitel werden auf einzelne Lebensbereiche und Perspektiven gründlicher eingehen. Doch lässt sich nun schon folgende These aufstellen über das Schöne selbst. Darüber hinaus folgt später noch Grundsätzliches zur Aversion von Menschleins.[1]

Was ist schön? Was in dieser Welt ist eigentlich schön?[2]

Beim Stellen dieser Frage – bei diesem Gedanken – stehen wir vor der Welt wie vor einem Bildschirm, der uns Dinge präsentiert, die wir einordnen in „schön“ und einer Negation davon, sei es hässlich, unschön oder schlecht. Doch wir müssen einige Schritte zurückgehen und davon ausgehen, dass wir es sind, die „Dinge“ einordnen. Diese Dinge, ob sie nun Erlebnisse oder Gegenstände sind, werden von uns erst zu etwas „Schönem“ gemacht.

Dass wir je nach Frequenz (bzw. Wellenlänge) Licht wahrnehmen mit irgendwelchen Farben oder auch nicht, muss uns mit den Erkenntnissen der Evolutionsbiologen zeigen, dass Ästhetik nicht vom Himmel gefallen ist. Wir sind Tiere, die sich so entwickelt haben und deren Körper Eigenschaften entwickelt haben, deren Gene sich mit Informationen so durchgesetzt haben, dass relativ gut überlebensfähige Lebewesen dabei herauskommen. Schönheit ist – egal, in welcher Ausprägung wir sie wahrzunehmen scheinen – ein Ergebnis der Evolution. Die Tiere, die wir zu sein verdammt sind, müssen nicht notwendigerweise wahrzunehmen in der Lage sein, was andere Tiere wahrnehmen, oder was wahrzunehmen wäre, um die Welt zu verstehen. Daher müssen wir von unserer Wahrnehmung des Schönen etwas Abstand nehmen.

Was ist aber für uns generell schön? Für uns sind Menschleins schön, deren Gesicht folgende Eigenschaften aufweist: Symmetrie, Sexualdimorphismus und Durchschnittlichkeit, so hört man aus der Wissenschaft.[3] Allerdings ist mensch darüber hinaus und meint, dass es bestimmte Proportionen und Hormonspiegelniveaus gibt, die attraktiv machen. Letztendlich soll eine hohe Gesundheit über den Indikator „Schönheit“, also das, was wir bei Menschen als „schön“ wahrnehmen. Gesundheit ist schön.

Was wäre bei Städten schön? Für manche scheint es, als läge hier (wie auch bei Menschleins) die Schönheit im Auge des Betrachters. Doch ist das wirklich so? Sicher, für manche ist eine Altstadt schön, für andere eine reichhaltige Szene und wiederum andere finden eine Stadt schön, die viel Natur bietet. Es gibt auch Menschen, die schwierigen Stadtteilen etwas Schönes abgewinnen können.

An Häusern wird als „schön“ bewertet, was aufwendig und „gut“ ist. Eine Fassadengestaltung beispielsweise, bei der farblich abgesetzte Gesimse und Pilaster aufwendig gestaltet wurden, ist schön. Mosaike und Malereien an den Fassaden sind schön. Aber auch weniger aufwendig wirkende Fassaden, die nicht aus der Gründerzeit sind oder ihren Ursprung nicht in der Zeit des Fachwerks haben, können „schön“ sein: Auch Häuser mit einer simplen Struktur, die sauber und klar ist, oder einfache, „liebevolle“ Häuser können „schön“ sein.

Kleidung kann schön sein. In der Regel wird im Westen der Anzug dem Schlabberlook mit Jogginghose und T-Shirt überall dort vorgezogen, wo es um größere (finanzielle) Werte geht: im Geschäftsleben oder in der Politik. Es wurde in der Altzeit in etwas teureren Restaurants von Männern ein Kragen sowie Beinbekleidung verlangt. Doch auch ohne expliziten Dresscode wird als „schön“ bewertet, was aufwendiger ist. Um das zu bestätigen, muss Eins nicht lange in die Geschichte der Mode schauen.

Vermutlich fehlt eine Unmenge an Kategorien in der Aufnahme von „schönen“ Dingen. Doch ist es nun erst einmal wichtig, wo das „schön“ einzuordnen ist. „Schönheit“, „Attraktivität“ und „Ästhetik“ sind, wie auch andere Wörter, wichtige Ordnungsbegriffe in unserer Sprache, mit denen wir bewerten, was uns gut dienen kann.

Zunächst wieder einmal einen Schritt zurück: Wir Menschen sind selektiv-offene Systeme, die, wie andere Lebewesen auch, Entropie exportieren. Das ist notwendig. Es gibt keinen anderen Weg, der Leben ermöglicht. Dazu brauchen wir Ressourcen, die entropiearm sind und wir müssen sie erkennen. Diese Informationssysteme, die wir sind, und die sich selbst als ein Subjekt in ihrer Umwelt wahrnehmen, sind, wenn man Dawkins Argumentation im „The Selfish Gene“ für schlüssig hält, allerdings „bloß“ Survival Mashines von Informationen, die codiert auf Genen liegen. Also ist letztendlich das „schön“, was diesen Genen nützt. Warum ist nichts anderes schön? Weil wir Menschen im Großen und Ganzen empfinden, wie es tief in uns verankert ist – und, weil das Wort „schön“ ein menschliches ist und damit die Ästhetik zu einer menschlichen Dimension macht. Es gibt nichts Schönes, was kein Mensch schön findet. Was kein Mensch begehrt, wird als „schön“ nicht verehrt.

Dass Eines nun andere Menschleins schön finden muss, wenn sie Indikatoren für eine gute Gesundheit haben, ist klar. Ebenso klar ist, dass der Geschlechtsverkehr mit schönen Menschen dem Menschlein nur nutzt (also als befriedigend wahrgenommen wird), weil es den Genen nutzt, die dieses Verhalten belohnen, weil sie damit mit einer höheren Wahrscheinlichkeit überleben.[4] Das erklärt auch, warum ein gewisses Selbstbewusstsein bei Menschen attraktiv wahrgenommen wird: Es ist ein Indikator für Gesundheit, weil Menschen dafür Ressourcen haben müssen (Glückseligkeit, Geld, Gesundheit, Zufriedenheit).

Der Mensch schätzt Werte und mag alles, was Entropiearmut signalisiert. Das betrifft Kleidung, Häuserfassaden, Essen und so weiter.

Wie alles natürlich Entstandene (oder menschlich Geplante), hat auch das System der Entropie-Aversion im Menschen in seinen verschiedenen Ausprägungen (wie Sexualtrieb, Verdauung, …) Fehler (bzw. unzureichende Anpassungen an die Umwelt).

Menschen haben Gefühle. Sie wollen sich gut fühlen und das können sie in der Regel immer dann, wenn sie Entropie exportieren oder Entropiearmut importieren bzw. die Grundlagen dafür schaffen: Essen, Probleme lösen, Sex.

Menschen haben, wie andere Tiere auch, Verknüpfungen zwischen Gefühlen und Erinnerungen (wenn Erinnerungen nicht mit Gefühlen verknüpft sind, geraten sie schneller in „Vergessenheit“.[5] Wenn wir ein Gericht aus unserer Kindheit essen, kommen des Öfteren Gefühle oder Kindheitserinnerungen hoch. Wenn die Kindheit schön war, kann unter Umständen das Essen schon alleine dadurch gut werden. Hat ein Menschlein keinen Geruchssinn und damit auch keinen Geschmackssinn (außer süß, sauer, salzig und bitter), muss ein gutes Geschmackserlebnis nicht bloß auf Süße oder Salzgehalt beschränkt sein. Gut werden Gerichte auch durch eine tolle Konsistenz und gar nicht mal so wenig dadurch, dass sie bspw. seit frühester Kindheit gegessen werden. Manchmal ist auch ein Ort „negativ“, weil wir ihn mit schlechten Erinnerungen verbinden. Das System der Assoziation Erinnerung, also Gedanke, mit einem Gefühl dient dem Erhalt von wichtigen Gedanken, die dem Fortbestehen des Menschen dient. Wertvolle Informationen zum Überleben, zum Entscheiden, müssen erhalten werden und vor dem Zerfall – der Entropie – geschützt werden.

Schönheit ist etwas, was Menschen Dingen, Menschen und Momenten zugestehen. Die Ursache dafür ist biologisch und memetisch codiert. Das, was sich als Folge dieses Codes gut anfühlt und schön ist, ist, was wir wollen und wollen müssen – zum Wohl unserer Gene bzw. dem Wohl der bestehenden Informationen.

Damit lässt sich freilich erklären, warum wir Anzüge tragen, Obdachlose meiden, kein Geld für Bruchbuden ausgeben und vieles mehr. All das machen wir nicht notwendigerweise bewusst. Fast alles, was uns am Leben erhält, geschieht ohne unser Bewusstsein dafür. Nicht einmal irgendeine Einheit in unserem Körper muss alles wirklich bewusst „wissen“. Unser Körper weiß nicht, dass er Entropie exportieren muss. Doch würde er es nicht tun, so würde er nicht die Information an die nächste Generation weitergeben, die die Mechanismen beinhaltet, es nicht zu tun.

Oder in anderen Worten: Wir haben eine natürliche Entropie-Phobie! Wir bevorzugen ordentliche Wohnungen gegenüber unordentlichen Wohnungen, gesunde Menschen gegenüber ungesunden Menschen, alte Häuserfassaden mit Verzierungen gegenüber Plattenbauten und liebevoll zusammengestelltes Essen gegenüber einer unklaren Brühe von gemixten Lebensmitteln. Auch bevorzugen wir Klamotten, die neu sind und klare Schriftzüge zeigen, gegenüber alten und verwaschen Klamotten.  Bedauerlicherweise ist der „used-Look“ auch „cooler“, wenn er nicht natürlich ist, sondern eher „Brand new“ ist. Ähnliches kann mensch beobachten, wenn zwei Menschleins die gleiche Frisur haben, das eine aber durch ein anderes „Standing“ in einer Gruppe mit einer Gerade-erst-aufgestanden-Frisur „cool“ wirkt, weil mensch es für eitel hält und sich sicher ist, dass es so „gestylt“ ist, wie es es beabsichtigt hat, und das andere, bei dem mensch annimmt, dass es „uncool“ ist, und dessen Haare tatsächlich nicht „frisiert“ wurden, eben durch diese Interpretation der Optik der Haarpracht gemieden wird.

Was dem allem gemein ist? Menschen meiden Entropie. Natürlich meiden wir nicht bewusst „Entropie“, doch haben sich Verhaltensweisen als vorteilhaft herausgestellt, die – abstrahiert – am Ende „entropiephob“ sind[6]. Es gibt kein Bewusstsein dafür, dass mensch die Entropie meidet, aber tatsächlich ist es genau das, was unsere Handlungen und unser Denken als komplexe Informationssysteme mit ausmacht.

Wir nehmen entropiearme Nahrung auf und geben Entropie ab. Das machen wir in dem Bewusstsein, „gut“ zu essen. Das „gut“ ist durch den Körper festgelegt an Kriterien, die dem Erhalt des Körpers im Großen und Ganzen dienen. Wir versuchen, nicht zu „zerfallen“.

Wir „wissen“ nicht, dass wir Entropie meiden. Doch unendlich viele Handlungsalternativen und Körperreize, die das nicht bezweckt oder zumindest mitverursacht haben, existieren nicht (mehr). Es gab im Prozess der Evolution bis hier her (und wird es noch weiter geben) immer wieder Pliroplexe, die sich nicht erfolgreich gegen den Zerfall wehren, die nicht in der Lage sind, Entropie zu exportieren. Diese Informationssysteme, ob nun chemische, biologische, memetische oder digitale, werden „sterben“. Dieser Kampf gegen die Entropie ist Teil der Evolution. Evolution ist nicht bloß die Möglichkeit, dass sich Informationssysteme verändern können und diese Systeme unterschiedliche Wahrscheinlichkeiten zu überleben haben, sondern eben auch, dass sie sich aktiv wehren müssen gegen den Zerfall. Leben ist das Gegenteil von Entropie.

Wir Menschen sind eine Lebensform, die dem Tod ins Auge schauen kann, bis in das Wesentlichste, das den Tod ausmacht. Wir sehen, wie wackelig alles steht, was wir bauen. Wir bauen Gebäude so hoch und so schön, doch im Nu können sie zerstört werden, wenn nur irgendeine Naturgewalt nur ein Bruchteil aller in die Konstruktion des Gebäudes investierten Energie aufbringt. Wir Menschen spüren, dass auch wir einfacher „kaputt“ gehen können, als mensch uns wieder „ganz“ machen könnte. Wie es schon Schopenhauer sagte: „Jeder dumme Junge kann einen Käfer zertreten. Aber alle Professoren der Welt können keinen herstellen.“. Wir sind wohl die unterhaltsamste aller Erscheinungsformen von Pliroplexen, weil wir nicht bloß wie andere einfach zum Untergehen verdammt sind, sondern den Untergang sehend zum Untergang auch noch Pliri konsumieren und produzieren, die der Entropie gewidmet und dem Untergang geweiht sind.


  • [1] Hier folgen wir – wie oft in diesem Werk – einem großen Vordenker und memetischen Mitbegründer der Neuzeit (teils wortwörtlich), welcher seit jeher anonym und ohne Ruhm zu arbeiten hatte, in Bergen, abgeschieden von der Zivilisation, versorgt nur mit Büchern und Wild, Nüssen und Gemüse.
  • [2] Ästhetik ist, was dem menschlichen Tier gefällt.
  • [3] Vgl. Rhodes 2006, 199–226.
  • [4] Attraktivität geht natürlich über Schönheit hinaus und kann noch die soziale Stellung beinhalten oder vielleicht einen anderen Wert, der nicht äußerlich sichtbar ist, aber auch Entropiearmut repräsentiert, wie es wenig sonst ähnlich schafft: Kunst (Musizieren, Schreiben, Malen, …)!
  • [5] Eins sollte denken, dass wir weitaus weniger vergessen als wir denken, und viele Erinnerungen bloß weniger zugänglich sind.
  • [6] Das ist, wie beim „ESS“ von Richard Dawkins, also bei einer Strategie, die evolutionär stabil ist, ohne dass es ein Bewusstsein dafür gibt.

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