Perispasmos eine philosophische Fiktion

Perispasmos-A2: Entropie und Biologie

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Noch bevor der Begriff Entropie bei den Informatikern, System- und Informationstheoretikern gelandet ist, wurde er bei Untersuchungen in der Biologie gebraucht – von einem Physiker. Erwin Schrödinger stellte fest, wie außergewöhnlich Leben an sich ist. Folgende drei Punkte beruhen auf Schrödingers Werk Was ist Leben? aus dem AZ-Jahr 1944.[1]

Erstens: Dank Schrödinger gibt es den Begriff der Negentropie.[2] Es handelt sich dabei zunächst einfach um Entropie mit einem negativen Vorzeichen, also negativer Entropie. Negentropie ist – sehr einfach gesagt – eine Form von Ordnung oder Energie.

Zweitens: Lebende Organismen sind vom Zerfall in das thermodynamische Gleichgewicht, dem Tod, bedroht, da ihr Leben mit all ihren Funktionen Entropieerhöhungen verursacht.

Drittens: Lebende Organismen ernähren sich von Negentropie, um auf einer niedrigen Entropiestufe zu bleiben. Sie entziehen ihrer Umwelt stets negative Entropie. „Oder, um es etwas weniger paradox auszudrücken, das Wesentliche am Stoffwechsel ist, daß es dem Organismus gelingt, sich von der Entropie zu befreien, die er, solange er lebt, erzeugen muß.“[3]

Also: Pflanzen, Tiere und Menschleins verursachen eine Entropieerhöhung. Auch alles, was wir menschlichen Tiere machen, wenn wir brav und gut sein wollen, erzeugt Entropie. Außerdem begegnet die Entropie jedem einzelnen Menschlein persönlich, spätestens in der Form des Todes, doch bereits zuvor im Alterungsprozess.

Wir wehren uns dagegen, doch ist unsere Niederlage gewiss: „So ist sein Daseyn[…] ein stetes Sterben. Sehen wir es nun aber auch von der physischen Seite an; so ist offenbar, daß wie bekanntlich Gehen nur ein stets gehemmtes Fallen ist, das Leben unseres Leibes nur ein fortdauernd gehemmtes Sterben, ein immer aufgeschobener Tod ist[4]: endlich ist eben so die Regsamkeit unseres Geistes eine fortdauernd zurückgeschobene Langeweile. Jeder Athemzug wehrt den beständig eindringenden Tod ab, mit welchem wir auf diese Weise in jeder Sekunde kämpfen, und dann wieder, in größeren Zwischenräumen, durch jede Mahlzeit, jeden Schlaf, jede Erwärmung u.s.w. Zuletzt muß er siegen […]“ (WI, 406)

Wie sich der Kampf um Negentropie oder Entropie darstellt, lässt sich an menschlichen Bedürfnissen zeigen, aber auch an in folgenden Unterkapiteln präsentierten Gebieten. Maslow stellte 1943 AZ ein Modell vor, mit dem menschliche Bedürfnisse und ihre abhängige Präsenz in den Handlungsmotiven erklärbar sind. Dabei sind in der Version von 1943 AZ alle Bedürfnisse von Menschleins in fünf Kategorien unterteilt: physiological needs (Physiologische Bedürfnisse), safety needs (Sicherheitsbedürfnisse), love needs (soziale Bedürfnisse), esteem needs (Wertschätzungsbedürfnisse) und need for self-actualization (Selbstverwirklichungsbedürfnis). Die Reihenfolge dieser Kategorien von Bedürfnissen ist wertend. Physiologische Bedürfnisse haben eine höhere Priorität als soziale Bedürfnisse, welche wiederum wichtiger sind als Selbstverwirklichungsbedürfnisse. Bedeutend ist eine Kategorie von Bedürfnissen immer dann, wenn sie nicht erfüllt ist, wenn Bedürfnisse nicht befriedigt sind, und wichtigere Bedürfnisse zugleich ruhig sind.[5] Hierbei gilt konform mit Maslow, aber in Schopenhauers Worten: „Wie Wahrheit […] beruht darauf, daß aller Genuß und alles Glück negativer, hingegen der Schmerz positiver Natur ist. […] Wenn der ganze Leib gesund und heil ist, bis auf irgend eine kleine wunde, oder sonst schmerzende Stelle; so tritt jene Gesundheit des Ganzen weiter nicht ins Bewusstseyn, sondern die Aufmerksamkeit ist beständig auf den Schmerz der verletzten Stelle gerichtet und das Behagen der gesammten Lebensempfindung ist aufgehoben.“ (PI, 402 f.)

Wie Schopenhauer Mitte des 19. Jahrhunderts (AZ) schon richtig erkannte, so meinte auch Maslow, dass insbesondere physiologische Bedürfnisse Negativbedürfnisse sind. Mangelt es nicht an Gesundheit, Essen oder Schlaf, so spürt man sie nicht. „Wir fühlen den Schmerz, aber nicht die Schmerzlosigkeit; wir fühlen die Sorge, aber nicht die Sorglosigkeit; die Furcht, aber nicht die Sicherheit. Wir fühlen den Wunsch, wie wir Hunger und Durst fühlen; sobald er aber erfüllt worden, ist es damit, wie mit dem genossenen Bissen, der in dem Augenblick, da er verschluckt wird, für unser Gefühl dazuseyn aufhört.“ (WII, 668).[6]

Wenn unter den physiologischen Bedürfnissen, wie Hunger oder Durst oder anderes Körperliches, eines unbefriedigt ist, so ist es im Bewusstsein. Höhere Bedürfnisse sind dann nicht im Bewusstsein.

Zu den Sicherheitsbedürfnissen zählen im Kern Bedürfnisse, bei denen es um die physische Sicherheit des Individuums geht. Bei der Beschreibung und Beobachtung der Sicherheitsbedürfnisse gibt es ein Problem: „Although in this paper we are interested primarily in the needs of the adult, we can approach an understanding of his safety needs perhaps more efficiently by observation of infants and children, in whom these needs are much more simple and obvious. One reason for the clearer appearance of the threat or danger reaction in infants, is that they do not inhibit this reaction at all, whereas adults in our society have been taught to inhibit it at all costs.“[7] Sie sind also nicht wirklich sichtbar, da auf „loud noises, flashing light, or other unusual sensory stimulation“[8] von Erwachsenen selten panisch reagiert wird. Nichtmenschliche Tiere und Kleinkinder zeigten diese Bedürfnisse laut Maslow eher. Dem Lesenden sei allerdings nebenbei angemerkt, dass es ein Irrtum ist, zu glauben, in modernen Gesellschaften, wie der unsrigen im FFE, gäbe es keine Ängste oder ernsthaft gefährdete physische Sicherheit. Es gibt sie. Zugegeben: außerhalb der 69 Inseln menschlicher, europäischer Zivilisation, also im Nomansland. Doch damit liegt der Zugriff auf diese Erfahrungsebene und das Erleben von echter Gewalt und Nöten quasi direkt vor den Toren der Städte. Mensch kann im Freeland zurückfallen auf das physiologische Bedürfnis, falls es nicht weiß, was oder wie Eins dort essen kann.

Soziale Bedürfnisse sind auch den Stadt-Europäern bekannt, scheinbar in immer größerem Umfang. Wenn physiologische und Sicherheitsbedürfnisse ausreichend befriedigt sind, und damit nicht mehr besonders im Bewusstsein sind, ist es einem Menschlein möglich, die Abwesenheit anderer, besonders eng vertrauter Menschen zu spüren und zu bedauern. Der Drang nach sozialen Beziehungen wird dann Hauptmotiv von Menschleins sein. Mensch will dann Zugehörigkeit in einer sozialen Gruppe haben und spüren – ebenso wie Zuneigung und Geborgenheit.

Sind auch soziale Bedürfnisse befriedigt, treten Selbstwert- oder Individualbedürfnisse zutage – und damit eine weitere Leidquelle. Menschen wünschen sich, wenn Körperliches und Soziales so weit erfüllt ist – nach Maslow – Selbstvertrauen, Selbstwert, Anerkennung, Freiheit und Erfolg. Damit ist die Latte noch mal ein Stückchen höher.

Das Selbstverwirklichungsbedürfnis ist in der Version von Maslow des Jahres 1943 (AZ) das höchste Bedürfnis. Dies wird so beschrieben: „A musician must make music, an artist must paint, a poet must write, if he is to be ultimately happy. What a man can be, he must be. This need we may call self-actualization.“[9] Das eigene Potenzial, zu werden, was auch immer mensch werden kann, auszuschöpfen, sei das höchste Bedürfnis, welches präsent ist, wenn alle niedereren Bedürfnisse erfüllt sind. Von Maslows weiteren, später eingeführten Bedürfniskategorien im 1970-Modell wird hier besser geschwiegen, da sie unnötig mehr Potenzial zur Kritik bieten als das ältere Modell und zugleich auch weniger konsistent und weniger nützlich sind.

Um wieder zum eigentlichen Thema zurückzukehren: Mit Schrödingers Beobachtungen und drei Grundsätzen ist auf Maslow zu schauen. Die wichtigsten Bedürfnisse sind nach Maslow solche wie Hunger oder Durst. Diese physiologischen Bedürfnisse sind letztendlich als Import oder Aufnahme von Negentropie zu bezeichnen. Mensch nimmt Energie oder Entropiearmut auf. Das ist notwendig, da Lebewesen automatisch und passiv die Entropie erhöhen und aktiv dagegen arbeiten müssen – durch die Aufnahme von Nahrung/Energie. Zu Maslows physiologischen Bedürfnissen sollte allerdings auch der Stuhlgang gezählt werden. Explizit genannt wird die Defäkation nicht. Dass sie dazu gehört ist allerdings evident. Im Sinne Schrödingers muss der Stuhlgang als Export von Entropie gesehen werden. Entropie kann insgesamt zwar nicht gemindert werden, sie kann allerdings woanders hin verschoben werden, aus einem System heraus, in ein anderes. Wie Eins beim Geld sagt: „Ihr Geld ist nicht weg – es hat jetzt nur jemand anderer“[10].

Die physiologische Bedürfnisse Maslows passen also zu Schrödingers Entropie-Verständnis im Kontext des Lebendigen. Es geht um den Import von Negentropie/Entropiearmut in Form von Nahrung und den Export von Entropie in Form von Kot (neben anderen Produkten wie Urin und der ausgeatmeten Luft oder nasalem Auswurf bei Erkältungen). Bei Sicherheitsbedürfnissen ist möglicherweise noch etwas Klärungsbedarf: Fühlt sich ein Menschlein im Freeland nicht sicher, so liegt es vermutlich daran, dass überall Gewalt droht, von menschlichen wie nichtmenschlichen Tieren. Der eigene Körper kann praktisch nie ruhen, da überall Gefahren warten. Schläge in die Magengrube sind genauso wie Knochenbrüche eine von zahlreichen Möglichkeiten, sich vom unwahrscheinlichen Zustand des Lebens zu entfernen. Nach physischen Gewalteinwirkungen, aber auch durch psychische Folgen von Gewalt, beispielsweise sexueller Gewalt, ist ein Individuum geschwächt in esses Fähigkeiten, sich selbst zu erhalten, Entropie zu exportieren und Negentropie zu konsumieren. Die körperlichen Schäden an sich sind dazu natürlich auch ein Mehr an Entropie, ein Weniger an Ordnung. Insofern lassen sich schon die ersten und wichtigsten beiden Maslowschen Kategorien von Bedürfnissen einordnen in den Zusammenhang von Entropie und Biologie.

Soziale Bedürfnisse erscheinen da schwieriger. Sie sind es allerdings nur marginal. Was bedeutet es, wenn Eins ein Mitmenschlein fragt, ob es Ersteres einen Gefallen erweisen könnte? Es bedeutet nicht mehr und nicht weniger, ob das Mitmenschlein dem anderen Mitmenschlein Entropie abnehmen oder Negentropie zur Verfügung stellen kann. An dieser Stelle könnte auch die Bereitschaft der Physiker, diesem Gedanken weiter zu folgen, trotz größtem Wohlwollen verschwinden. Doch ist dieser Gedanke sinnvoll: Eingebundensein in soziale Gruppen und Zuneigung und Geborgenheit haben ihren Wert darin, dass soziale Ressourcen verfügbar sind. Diese haben ihren Sinn und Zweck nur darin, das Leben und die Reproduktion eines Individuums zu fördern. Gefallen zu erweisen kann nur darauf hinauslaufen, dass ein Menschlein einem anderen Menschlein Arbeit abnimmt, also dessen Ressourcen schont, oder Ressourcen bereitstellt. Dies ist darstellbar im Denken mit Entropie und negativer Entropie.

Individualbedürfnisse und Selbstverwirklichungsbedürfnisse sind dagegen nochmal ein Stück weiter weg von einem sichtbaren und konkreten Bezug zu Entropie und Negentropie. Schon soziale Bedürfnisse waren schwerer einzuordnen als die ersten beiden und wichtigsten. Doch da liegt auch der Zusammenhang: Je unmittelbarer eine Kategorie von Bedürfnissen an basalen Entropievorgängen ist, desto bedeutender ist ihre Befriedigung. Mittelbar ist ableitbar, welche Rolle auch das abstrakteste Bedürfnis, die Selbstverwirklichung, für das eigene Leben und die Reproduktion spielt, bzw. im Kampf gegen die Entropie: Wer auf einem Level glücklich und zufrieden ist, weil untere Bedürfnisse (besonders die physiologischen) befriedigt sind, und sich ausruht, kann gegenüber gleichermaßen bedürfnislosen Menschleins keinen Vorteil aufbauen. Dagegen baut ein weiter strebsames Wesen Vorteile aus. Besonders künstlerische Aktivitäten symbolisieren auch potenziellen Geschlechtspartnern oder einfachen Mitmenschleins, welche Stellung, welchen Ressourcenreichtum und welche Attraktivität sie haben. Diese kann eintauschbar sein gegen Reproduktionsakte oder Unterstützung, falls mal Ressourcen benötigt werden. Mensch muss immer damit rechnen, dass Eines mal Hilfe benötigt, da es tausende Möglichkeiten und unbedeutende Zufälle gibt, die ein Leben dem Untergang weihen (WI, 363). Es gibt mehr schlechte als gute Zustände und Umstände im und für das Leben.


  1. [1] Vgl. insb. Schrödinger 1987, 120 ff.
  2. [2] Eigentlich ist Schrödinger bloß das Konzept zu verdanken und ausdrücklich nicht dieser Begriff. Doch das ist unerheblich. Das Mem war in der Welt.
  3. [3] Ebd., 126. [LH: Wenn uns liebe Menschleins das nicht verstimmt und von der Schlechtheit der Welt überzeugt, was dann?! Wir wirken notwendig am Untergang der Welt mit. Wir müssen uns in jedem Moment gegen den Untergang der Welt wehren, den wir notwendig herbeiführen. Wir wollen nicht untergehen, also fördern wir den Untergang. Das Ende der Welt ist, was wir nicht wollen, aber fördern, da wir den Untergang unserer Welt zu verhindern versuchen müssen. Kurzum: Wir sind verdammt.]
  4. [4] Hier ist auch verständlich, warum in altzeitlichen Altersheimen die Stimmung eher gedrückt war. [LH]
  5. [5] Vgl. Maslow 1943.
  6. [6] Es gibt kein Sättigungsgefühl, sondern ein Völlegefühl oder ein Hungergefühl. Es gibt nur Leid. Nur Leid ist real.
  7. [7] Ebd.
  8. [8] Ebd.
  9. [9] Ebd.
  10. [10] Buchholz 2016, 69.

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