Mein Erwachen in der Neuzeit

Der Plan (01.04.2065 ca. 18:00 AZ/ ca. 23.832,75 NZ)

Ich atmete tief durch. Langsam öffnete ich die Augen. Ich lag auf dem Boden. Ich wusste nicht, wo ich war oder wie ich hier hinkam. Mir kam nichts bekannt vor von dem, was ich sah – rein gar nichts. Ich beugte meinen Oberkörper auf. Vor mir standen 7 weiß gekleidete große Gestalten, die sich nicht rührten. Ihre Gesichter waren verhüllt in weiße Stoffmasken. Sie waren alle in schlichtem Stoff gekleidet, weißem Stoff, der in dieser Dunkelheit beinahe leuchtete. Sie rührten sich kein bisschen. Ich sagte nichts. Sie schienen auf etwas zu warten. Hinter mir war dunkler, tiefer Wald. Vor mir, hinter den 7 Gestalten eine gigantische Mauer. Über ihr ragte eine monströse Skyline schwach erkennbar hervor. Über der Mauer war ein dunkelblauer Schleier bis in die Weiten des Himmels empor. Ich wollte aufstehen, doch ich konnte nicht. Ich bemühte mich um Erinnerungen, doch es kam nichts. Ich stand unter Schock. Mit jedem Atemzug in dieser Stille nahm meine Beunruhigung zu. Ich wusste nicht wieso, doch ich war unruhig. Ich wusste ja nichts. Sicher war diese Nacht eine sonst schöne Nacht gewesen, man sah die Sterne, es war angenehm warm mit vermutlich etwa 20 Grad.

Ich hörte plötzlich Stimmen. Die weißen Gestalten jedoch bewegten sich nicht. Außerdem waren die Stimmen leicht mechanisch. Die Stimmen mussten allerdings von diesen Gestalten sein. Es ging darum, ob sie noch warten mussten, oder endlich beginnen durften. Dabei redeten sie sich an mit »Biuresap«, »Ari« und »Diacae«. Die Stimmen unterschieden sich kein bisschen voneinander. Sie standen weiter starr, auf den Boden zu mir schauend vor mir. Niemand und nichts rührte sich. Ich machte nun ernsthafte Anstalten, aufzustehen. Mein ganzer Körper fühlte sich kraftlos und müde – beinahe nicht wirklich lebendig. Ich stand, taumelte leicht hin und her, stand aber. Die 7 weißen Wesen regten sich. Sie schauten einander an, es kamen aber keine Stimmen. Ich stand unsicher.

Als ich versuchte, in Richtung Stadtmauer zu laufen, verwehrten sie mir den Weg. Mit meinem unsicheren Gang leistete ich keine Gegenwehr. Ich machte einige Schritte rückwärts, bevor ein lauter Gong mich erschrak und ich mich beinahe hinlegte. Es kam von hinter der Stadtmauer. Nun begannen die Wesen zu reden. Die mechanischen Stimmen waren von ihnen. Es war mit ihrer Kleidung und ihren Stimmen keinerlei Persönlichkeit hinter ihrer Maskerade erkennbar. Nicht einmal eine Idee von einem Geschlecht war erkennbar, nichts. Sie redeten davon, dass ich ein 34-jähriger Schriftsteller wäre, der vor vielen Jahren gestorben wäre. Nun sollte ich wieder leben und hätte – im Gegensatz zu meinem früheren Leben – einen wahren Lebenssinn und eine Mission. Damals, meinten sie, unkte ich umher und war ein Taugenichts, der nun die Gelegenheit hatte und nutzen sollte, wirklich einen Wert zu beweisen. Ein erfolgloser Schriftsteller mit weniger als mäßigem Erfolg beim Schreiben. Ohne Anerkennung und ohne Sinn oder Ziel war ich wohl umhergeirrt und fand den Tod durch Drogen, die mir allerdings auch keinen Sinn boten.

Ich erfuhr nun, wer sie waren: Biuresap, Tiariava, Liuraux, Ari, Luga, Dianivi und Diacae. Es waren Menschen, deren Geschlechter ich immer noch nicht erfuhr, und immer noch ohne Persönlichkeit. Es waren, wie sie meinten Wesen, die ihr Leben Höherem widmeten. Eine Art Sekte wohl. Sie gaben nach außen viel auf und waren nur in einem Kloster am Rande – aber in der Stadt – zuhause und sie selbst. Ihre Aufgabe war es, der Menschheit Fortschritt zu bringen, sie auf Kurs zu halten.

Sprachen sie von mir, untereinander, so sprachen sie immer von mir als einem Neutrum. Es irritierte mich. War ich ohne Persönlichkeit, war ich ein Ding für sie? Sie verrieten mir nichts darüber. Sie erklärten bloß, dass meine Erinnerung vielleicht wiederkäme an mein Leben vor meinem Tod. Doch nun, heute brauchte ich mich nicht mehr um mein altes Ich zu kümmern. Der Fokus müsse auf dem Hier und Jetzt liegen. Das würde ich noch verstehen. Meinen drängenden Wunsch, das »heute« definiert zu bekommen, kamen sie mit »23.832« nach. Sie erwarteten nicht, dass ich etwas verstand, es schien ihnen auch egal zu sein.

Ein alter, alter Mann sollte ich nun also sein, der noch einigermaßen jung starb. Das überforderte mich. Die vielleicht von anderen Menschen anderswo als angenehm wahrnehmbare Abend-Atmosphäre war für mich nun ganz und gar nicht angenehm. Ich war mir dessen bewusst und murmelte, dass es wohl 20 Grad warm wäre. Ich wurde prompt von einer mechanischen Stimme korrigiert: »295 Grad«. »Kelvin, Biuresap«, korrigierte widerum eine andere Stimme die erste.

Sie bedeuteten mir, ihnen zu folgen, in die Stadt. Es ging aus der scheinbar unberührten Natur einen steilen, nunmehr künstlichen Weg aus Beton hoch hinaus in die Stadt. Tore, großen Stadttore in einer ordentlichen Höhe von vielleicht 50m, waren unser Ziel. Der Weg schien hunderte Meter lang zu sein. Der Weg führte über einen Graben von Dutzenden Metern Tiefe. Je höher der Weg führte, desto schwindeliger fühlte ich mich. Die Schwäche meines Körpers machte sich immer mehr bemerkbar. Aber jeder Schritt machte auch mehr von dieser Metropole sichtbar. Meine Augen waren aufgerissen und ich war voller Erstaunen. Straßen in der Luft, dicht aneinander gebaute Wolkenkratzer und eine Vielzahl von Lichtern. Der Schleier über der Mauer schien nun leicht zu zischen und zu surren. Je mehr ich näher kam, desto mehr spürte ich diese Energie. Ich fragte, mich, was das sei.

Die Gestalten gingen in aller Ruhe, langsam und gemächlich. Zeitprobleme hatten die wohl nicht, nie. Sie sorgten also für den Fortschritt in der Gesellschaft? Sie waren es, die ihr Leben und ihre Persönlichkeit für ein größeres Wohl aufgaben? Was war das für eine Gesellschaft, die solche Leute hatte? Und was hatte ich nun damit zu tun? Welche Rolle hatte ich zu spielen? Dass ich ein Taugenichts war oder bin, konnten sie ohne Scham oder Mitgefühl mechanisch klar und gefühllos sagen. Regungen zeigten sie keine, nie. Waren das überhaupt Menschen? Diese weißen Stoffhüllen, die kaum Profil zuließen, bereiteten mir nun Sorgen. Ich fühlte mich noch mental und körperlich schwach. Es war meine Fantasie, die mir nun Streiche spielte. Religiöse Spinner sind das wohl nur. Die meinen, sie müsste sich verkleiden, um einem höheren Werk zu dienen. Aber: Dafür nutzen sie eine Technik, die einen Niemand wiederbelebte und darin resultierte, dass dieser Niemand vor den Stadttoren aufwachte? Langsam aber sicher hatte ich Panik. Ich schaute nach vorne, auf diese 7 Gestalten: Mechanisch, gefühllos und ohne irgendwas Menschliches liefen sie auf die Tore zu. Die Höhe dieses Weges beeindruckte sie offenbar nicht – mich schon. Man konnte über Teile des Walds schauen. Um die Stadt herum schien endloser Wald und ein breiter Fluss und noch mehr Wald zu sein. Die Ausmaße der Stadt waren nicht abschätzbar. Links wie rechts endlose Mauern. Nur eine Art Brücke oder Bahnschiene in sicher hunderten Metern Höhe ragte aus der Stadt hinaus in die Weite außerhalb der Stadt. Wohin führte dieser Weg über dem endlosen Wald? Waren dort auch solche Gestalten? Irgendwo dort? War ich nun ein menschliches Wesen in einer Welt voller Roboter? Ich blieb stehen. Ich konnte denen nicht mehr folgen. Ich wollte nicht mehr. Nach einigen Schritten blieben sie nun auch stehen. Sie drehten sich wie in Zeitlupe um und ihre Maskenschauten genau in meine Richtung. Die Stille, die Nacht und diese weißen Gestalten mit ihren Masken, ohne sichtbare Augen oder Gesichter, … ein einzelner Mensch in dieser merkwürdigen Welt. Ich machte langsam zwei, drei Schritte rückwärts. Sie regten sich nicht. Kein bisschen. Was war los mit ihnen? Ich drehte mich nun um und rannte. Ich wusste nicht wohin, doch einfach den steilen Weg hinunter, hinab in den Wald. In den dunklen Wald. Hauptsache weg von diesen Robotern. Einen kleinen Blick zurück riskierte ich: Sie starrten noch immer mir nach. Ich rannte weiter. Meine Beine waren schlapp. Mehr als schlapp. Mein ganzer Körper war müde. Das wussten sie sicher. Vielleicht dachten sie, ich käme ohnehin nicht weit. Ich bemühte mich und stand unter Strom. Was um Himmels willen hatten sie vor mit mir? Ich sollte einen Sinn bekommen? Ich blickte abermals zurück: Zu meinem Erstaunen waren sie wieder der Stadt zugewandt und gingen in ihren langsamen und mechanischen Schritten Richtung Stadt. Ich kümmerte sie nicht. Warum nicht? Nichtsdestotrotz lief ich weiter, so schnell ich konnte, in den Wald hinein. Immer weiter, immer weiter. Bis ich plötzlich nicht mehr wusste, vor was ich weglief – oder wohin ich lief. Was tat ich? Wer war ich? Wo war ich? Und wann eigentlich? Was zur Hölle ist hier los?!

Der Wald (23.833)

Ich musste nun schon Stunden gerannt sein. Ich irrte herum. Meine Augen boten mir nicht viel Klarheit in diesem dunklen, düsteren Wald. Menschliches war hier nicht, nirgends. Auch hier also nicht. Immer tiefer, Richtung Osten ging ich. Ich hörte plötzlich ein Zischen. Es kam von dieser Bahn, weit über mir. Ich ging nun langsamer. Rennen wollte ich, doch ich wusste nicht, wohin. Weg, sicher weg von der Stadt. Sicher wollte ich das. Aber mein Körper war dazu sowieso nicht mehr in der Lage. Ich musste langsam Rast machen. Ich wusste weder wo, noch wie, doch ich ließ mich in dieser Dunkelheit einfach an einem Baum nieder. Ich versuchte, zu ruhen, doch überall knisterte es. Es war still, aber irgendwas war doch in diesem Wald. Die Müdigkeit war irgendwann größer als jede Sorge.

Nach einigen Stunden wurde ich unsanft durch Schreie geweckt. Wirklich erholt war ich nicht, denn nicht nur das Wecken, sondern auch das Ruhen war unsanft. Ich richtete mich auf. Weitere Schreie und viel Bewegung. Ich versuchte, mich zu orientieren, es war allerdings noch dunkel. Ich sah nichts und wusste nicht, wo ich war. Ich orientierte mich an den Schreien, und versuchte, vor ihnen wegzulaufen. Ich hörte die Schreie näher kommen. Es war wohl eine Gruppe von Menschen. Auch ein Summen war zu vernehmen. Es kam näher. Plötzlich wurde ich von hinten hinuntergerissen. Dann folgte ein Hagel von Holzpfeilen, der um mich herum einschlug. Ein Helikopter und einige Drohnen flogen über den Baumkronen hinweg. Mir war nichts geschehen und ich wollte aufstehen. Doch eine Stimme neben mir warnte mich. Der Helikopter würde wieder kommen. So war es auch. Erneut wurde ich hinuntergerissen und ein Hagel Holzpfeile kam nieder. Ich fühlte mich ins Mittelalter versetzt.

Ich wurde grob angemacht: »Du lernst es nicht, oder?! So verreckst du hier.« Es war eine weibliche Stimme, eine menschliche. Das war schön. Doch Freude war nicht ihr Ding. Zumindest zu diesem Zeitpunkt nicht. Sie hieß Alice Madonfra, und schien im Wald zu leben. Äußerst merkwürdig. Zu ihr gehörte eine Gruppe von Menschen, die ebenfalls im Wald lebte. Sie drängten mich unmittelbar dazu, mich auszuziehen. Ich war fast mehr belustigt von diesem Gedanken als entsetzt. Nein, sie hatten es ernst gemeint. Ich sollte mir alle Klamotten vom Leibe reißen. Lustig war das nun nicht mehr. Sie waren zwar bemüht, allen voran Alice, leise zu sprechen, aber zugleich ernst, furchtbar ernst und ohne Zweifel oder Zögern in der Stimme. Einige erhoben schon Holzknüppel und bauten eine Drohkulisse auf. Nun fühlte ich mich wie in der Steinzeit. Doch komisch war es keineswegs. Ich begann nun tatsächlich langsam, mich zu entblößen. Ich verschwendete keinen Gedanken mehr an die merkwürdigen weißen Roboter-Freaks. Nein, jetzt war ich bei den Wald-Freaks. Ich zog langsam aber sicher Kleidungsstück für Kleidungsstück aus und blickte immer wieder zu Alice und den anderen – ohne Augenkontakt selbstverständlich –, um herauszufinden, ob dies nicht vielleicht doch ein Scherz gewesen war. Ich hätte wohl versuchen sollen, wegzurennen. So far, war dies eine wunderbare Strategie gewesen. Aber ich war schlapp. Völlig fertig. Ich war nun beinahe völlig nackt. Bloß noch schwarze Tennissocken und weite Boxershorts. Hm, so war ich also gestorben, in weiten Boxershorts. Slips hätte ich vermutet. Geschadet hatten die Shorts mir bisher allerdings nicht. Ich hielt inne. In diesem Moment fragte eine Stimme, Maimuna Kamar: »Baumwolle?« Ich war verdutzt. Nicht, dass es noch etwas dazu beigetragen hätte zur Merkwürdigkeit meiner Lage, doch ich stutzte. »Ja«, meinte ich, »Baumwolle.« »Kannste anlassen.«, kam als Antwort von Maimuna. »Kann er?«, fragte Alice, sich sichtlich über meine Unsicherheit amüsiert. Irritiert blickte ich in die Runde. »Ich bin ein er?!«, fragte ich, »kein Neutrum?« Eine helle, verächtliche Stimme aus der Gruppe daraufhin: »Na, wenn du das schon nicht weißt.« Darauf folgte schallendes Gelächter. Alice forderte sofort mit markanter, rauer aber gesenkten Stimme Ruhe. Doch es half alles nichts.

Ein Helikopter war wieder auf dem Weg zu uns. Das Summen kam näher, wir rannten und rannten – um unser Leben. Doch der Heli folgte uns plötzlich nicht mehr. Er blieb wohl etwa über der Stelle meiner peinlichen Entkleidungsszene. Drohnen folgten dem Heli. Sie schienen die Gegend zu scannen und flogen darauf weiter. Der Helikopter stand in der Luft über der Stelle. Wir entfernten uns nun weiter vom Heli. Plötzlich war eine Explosion zu hören und ein grellblaues Licht war zu sehen. Der Heli flog wieder Richtung Stadt, während es um die Stelle der Explosion stürmisch wurde. Haare waren verwuschelt. Ruhe folgte. Ein kurzer Moment Frieden folgte. Ich atmete durch. Ich ging mir mit den Händen durch die Haare und atmete tief durch. Frieden, ja das war kurz da. Ich versuchte, den Moment der Ruhe zu genießen. Kein Heli, kein Holzhagel. Was sollte mir nun jetzt noch passieren? In Socken und einer Unterhose – ja einer Baumwoll-Boxershorts stand ich im Wald mit einer Gruppe von fremden Wilden und sollte Stunden zuvor noch einer geheimen Gruppe Irrer auf einer Mission für die Menschheit folgen?

Auch Alice, Maimuna und den anderen schien der Sinn nach Frieden zu stehen. Wir setzen uns und konnten uns etwas erholen. »Bist du ein Freund von der Neutrum-Sprache?«, fragte Maimuna mich. Ich gab zu verstehen, dass ich keinerlei Ahnung hatte, wovon die Rede war. Sicher, ich wurde von den 7 Irren wie ein Es behandelt, aber warum wusste ich nicht. Es stellte sich heraus, dass es eine Art Sprachreform von oben gegeben hatte. Diese Waldmenschen klärten mich auf. Gleichheit zwischen den Geschlechtern bzw. allen Geschlechtern sollte hergestellt werden. Wohl eher wurde versucht, Unterschiede von staatlichen Stellen zu ignorieren und Diskriminierung zu dulden. Oder so ähnlich. Seit dem 12. Jahr herrschte Nytakas Suiger, der Präsident des freien und fortschrittlichen Europas. Seit 11.925, wie Alice es genauer ausdrücken konnte. Seitdem wurde rauschartig die gesamte Gesellschaft Europas verändert. Gerecht und modern sollte sie wohl werden. Zeitrechnungen, Farben, Wirtschaftssystem und Sprachen wurden geändert. Dabei wurden Dörfer und Kleinstädte zerstört, und renaturiert. Über ihnen ist nun Wald. Das Ideal war nun, in einer echten Metropole zu leben. Sie zeigten mir, wo man im Wald Reste der Städte sehen konnte. Alles war verwachsen.

Sie gaben mir Felle und erklärten mir, dass außerhalb der Städte Europas Natur, bloße echte Natur sein musste. Grün und modern, aber auch biologistisch war dieser Herrscher. Wenn man also Plastik oder Zivilisationsmaterialien außerhalb der Städte hatte, war man vogelfrei. Sie nannten es Extra-Acht-Strafe. Man musste achtgeben, da alles Verbotene im »Freeland« oder »No-Thing-Land«, wie Alice und Co. es nannten, mit vermeintlich sauberen Bomben oder Holzpfeilen beschossen wurde. Saubere Bomben waren jene Bomben, die, wie sie es meinten, nachhaltig wären und keine nicht-verrottbaren Rückstände in der Natur hinterließen. Holzpfeile hatten nur den Sinn, Freeländer zu vertreiben oder zu verletzen.

Sie waren sich schnell einig, dass ich kein illegaler Tourist war – und natürlich auch, dass ich nicht mit der Siebener Strafe belegt wurde. Touristen waren solche Stadtmenschen, die mal die Natur erleben wollten. Abenteurer waren dies. Sie mussten in »Naturkleidung« oder nackt durch die Stadttore gehen und durften sich austoben. Regeln gab es für sie nur die, die es für alle Freeländer gab: Der Umwelt nicht nachhaltig schaden, und dabei den Städten nicht schaden. Die Helis der Stadt griffen nur in solchen Fällen. Drohnen flogen permanent Patrouille über den endlosen Waldgebieten zwischen den Städten. Es war anscheinend eine Art Urzustand ohne echten Staat zwischen den Städten in Europa. Ich war hin und weg von dieser mir so fremden Welt und wollte alles wissen.

Illegal waren Touristen, wenn sie mit Zivilisationszeug ins Freeland kamen. Entweder musste man die Mauer überwinden ohne durch die Tore zu müssen, oder man musste extrem reich sein und konnte mit einem eigenen Helikopter jederzeit ins Freeland gehen. Dies würde allerdings offiziell hart bestraft werden. Ich war in Klamotten unterwegs gewesen, die nicht erlaubt waren. Selbst diese weißen Irren waren in Baumwolle oder Ähnlichem gekleidet gewesen. Was die wohl in der Stadt trugen? Mir kam das mittlerweile surreal vor. Ich konnte kaum noch glauben, dass ich dies nicht geträumt hatte. Es war zu unwahrscheinlich. Nun saß ich also in Fellen und Baumwollunterwäsche auf einem Baumstamm mit einer Gruppe von Freeländern, die Männer Männer nennen und Frauen Frauen. Ob das gut war oder nicht, wusste ich nicht.

Ich war noch interessiert an so vielem. Die Siebener Strafe, oder »7 Sekunden«-Strafe, wie sie hieß, war eine Strafe, bei der man nach dem Urteil in Verrottbarem gekleidet bloß, ins »No-Thing-Land« musste. Es war eine Verbannung. Gefängnisse wurden anscheinend abgeschafft. Faszinierend. Sieben Sekunden daher, weil es mit der Bahn ziemlich genau sieben Sekunden bis zur Stelle der Verbannung dauerte. Man wurde hinabgelassen über dem Wald. Die Schienen der Bahn verliefen innerhalb der Städte unterirdisch und viele Meter in der Höhe außerhalb der Städte. Dabei lagen die Städte alle deutlich erhöht. Ein solcher 7-Sekunden-Fall war ich natürlich auch nicht. Ich wurde nicht bestraft. Ich war auch kein Tourist. Ich war ein Niemand – soweit ich wusste.

Die Freeländer wollten auch wissen, wer ich eigentlich bin. Ich wollte keineswegs sagen, ich wüsste es selbst nicht. Wie hätte das ausgesehen? Allerdings kann man nur gut lügen, wenn man irgendwas weiß – und natürlich brauchte es ein gutes Gedächtnis. Aber ich wusste jedenfalls nichts. Ich wurde »Rogi« genannt von den 7 Irren. Den Namen wollte ich nicht behalten, doch Namen hatte ich fast keine im Kopf. Ich blieb also bei Rogi. Und ich musste gestehen, dass ich keine Ahnung hatte, wer ich bin. Ich ließ nun also sprichwörtlich die Hosen herunter.

In der Gruppe überwog plötzlich das Gefühl, sich von mir lossagen zu müssen. Im Freeland führte jeder einen Kampf ums eigene nackte Überleben. In sicheren Gruppen, bloß dort konnte man gut überleben. Dazu bedurfte es Vertrauen und Wissen um einander. Da passte ich nicht dazu. Einige Mitglieder dieser Gruppe fühlten sich nicht wohl damit, mich einfach zurückzulassen. Ich meinte, die Sonne gehe ja gerade wieder auf, das sei doch schon mal etwas. Und ich bedankte mich für die Felle, auch wenn ich mit Tierprodukten am Leib kein gutes Gefühl hatte.

Weder Maimuna, noch Alice wollten mich ratlos verlassen. Dieser Typ Maimuna gab den anderen das Zeichen, sich nochmals auf Steinen und Baumstämmen Platz zu nehmen. Auch ich setzte mich. Er erzählte eine Geschichte von einem weisen Menschen. Dieser Mensch war so etwas wie ein Sheriff einer Gruppe im Freeland gewesen. In Anwesenheit seiner Frau wurde er einst von einem von seinen konsultiert. Dieser hatte Streit mit einem der anderen gehabt und klagte ausführlich sein Leid. Der Sheriff gab ihm Recht. Darauf ging der Mann erfreut. Wenig später soll der andere gekommen sein und auch dieser klagte ausführlich sein Leid. Auch diesem gab er Recht. Darauf ging auch dieser Mann erfreut. Des Sheriffs Frau meinte dann zu ihm, dass er nun doch einfach jedem Recht gegeben hatte und damit niemandem. Darauf sagte der weise Mann zu seiner Frau, dass sie auch Recht habe.

Ich versuchte nun, nachdem Maimuna endete, mir einen Sinn daraus zu machen, doch es gelang mir nicht. Noch in Gedanken bemerkte ich, dass Alice, Maimuna und die anderen praktisch aufsprangen und auf ihrem Weg waren. Ich sprang nun auch auf und brachte bloß noch ein »danke« heraus. Wofür dies war, wusste ich allerdings kaum. Ich hörte noch aus der Ferne eine Warnung vor den wilden Tieren. Dann verschwanden sie aus meinem Sichtfeld.

Ich war also wieder alleine. Ich musste nun alleine hier überleben. Ich überlegte, was zu tun ist: Plastik und so etwas durfte ich nicht nutzen, da dieser Raum offensichtlich irgendwie aus der Luft überwacht wurde. Nun gut, wo hätte ich so etwas finden sollen? Ich hatte keinen Müll dabei. Es ist nicht wie beim Grillen – ich erinnerte mich an etwas! Grillen, ja dabei kamen Menschen in die Natur und brachten »unnatürliches« mit und ließen es dort. Es war nichts biologisch abbaubares. Es war Müll. Hier wurde die Natur verschont – mit Gewalt am Menschen notfalls. Irgendwie gefiel es mir, dass die Natur geschützt wurde. Alice und Maimuna hatten angedeutet, dass man die Natur bewahren wollte, aber dies nur wenigen Reichen gönnen wollte. Dass es eine Art pervertierte Art von Nachhaltigkeit war, und die arme Bevölkerung zurechtgestutzt wurde aus Gründen der Nachhaltigkeit, zum Schutze des Planeten. Eine Art Naturschutz für die Reichen dieser und der nächsten Generation. Doch ich hatte davon nur die Hälfte verstanden. Ominöse, geheime Regeln zur Rettung des Planeten und zum Fortschritt der Gesellschaft verbaten eine Weltbevölkerung von mehr als einer Milliarde Menschen, geboten die Nutzung einer einzigen Sprache auf diesem Planeten, geboten Vernunft und Fortschrittsglauben und … vor allem sollte der Natur Raum gegeben werden, der denen zustünden, welche ihrer würdig sind. Wie gesagt, davon hatte ich nur die Hälfte verstanden. Hätte ich mehr verstanden, hätte ich es vielleicht nur halb so gut gefunden. Ich hatte allerdings andere Sorgen. Was sollte ich tun, in meinem neuen Leben mit Mission oder Sinn? Und vor allem: Was machte ich in diesem Wald?

Ich lief durch den Wald. Kilometer für Kilometer ging es für mich Richtung Osten. Noch immer trieb es mich irgendwie weg von dieser Stadt. Ihr Name war Annuki. Nie zuvor gehört. Irgendwann bemerkte ich, dass ich parallel zu einem Fluss lief. Ich wendete mich gen Süden und kam ihm näher. Wasser, das war nötig. Es war ein größerer Fluss, mitten im Wald. Er floss aus dem Osten in den Westen in Richtung Annuki. Erst jetzt sah ich, dass die Stadt auch südlich des Flusses weiterging, mit ihrer gigantischen Stadtmauer. Der etwa 1000 Meter breite Fluss strömte durch den Wald hinein in die Stadt. Hinter dieser Stadt war bestimmt auch Wald, vermutete ich. Einige kleinere bewachsene Inseln widerstanden dem Wasser des Flusses Pudak. Ich beschloss nun, nach einer Erfrischung und Pause am Pudak näher am Ufer Richtung Osten zu laufen.

Weiter Richtung Osten lief ich. Immer weiter. Ich dachte daran, vielleicht ein früheres Leben zu erinnern. Doch es kam nichts. Es gab keine Menschen, keine Momente aus einer früheren Zeit. War ich nicht nur ein Niemand gewesen, sondern hatte ich nun auch niemanden? Vielleicht hatte ich bloß einen Unfall und hatte alles vergessen. Jedenfalls musste es irgendwo eine Menschenseele geben, die mich kannte. Außer natürlich, außer ich war wirklich »tot« gewesen für eine längere Zeit und bin nun nach einer langen, langen Zeit wieder unter den Lebenden. Doch warum und wie sollte ich leben, wenn ich schon einmal gestorben bin? Welcher Sinn hatte auf mich gewartet? Ich wusste nicht viel über mich. Eigentlich gar nichts. Doch ich bemerkte schnell, dass ich niemand war, der an Überirdisches glaubte. Ich konnte nicht glauben, irgendein objektiver Sinn wartete auf mich. Woher sollte der denn kommen? Und wie objektiv konnte der dann sein?!

Auf meinem Weg irgendwohin, weg von der Stadt, stieß ich auf überwachsene Reste einer Zivilisation. Es gab Ruinen, Steine und darüber Grün. Menschliches war weniger zu sehen als zu erahnen. Ich stöberte in den Ruinen. Ich war ob der Dunkelheit ein wenig besorgt, doch zugleich einigermaßen in Abenteuerlust. Verlassene Gebäude, verlassene Dörfer aus einer alten Zeit? Das war grandios. Ich erfreute mich daran, obwohl ich hinter jeder Mauer und jedem Baum Menschen erwartete. Ein wenig fürchtete ich mich auch davor, zu erkennen, dass mein Leben, mein Ich genauso alt und verlassen war wie diese Häuser. In diese Häuser, oder in das, was übrig war, konnte nun jeder Fremde, ob als »Tourist« oder Freeländer herumspazieren. Wer und wo waren die Eigentümer? Irgendwo in den Ruinen mussten Menschen mal gelebt, gelacht und getrauert haben. Irgendwo schaukelten vielleicht kleine Mädchen mit Zöpfen im Sommer. Irgendwo hier spielten kleine Jungs im Sandkasten. Vielleicht gab es hier Raufereien. Irgendwo hier mussten Menschen ihre erste Liebe getroffen haben und auch das erste Mal enttäuscht worden sein. Hier liegen Erinnerungen, bloß scheint niemand mehr hier zu sein, der sich erinnert. Viele Leben hingen an diesem Ort, viele hatten wohl Arbeit und Zeit hineingesteckt, um ein Zuhause aufzubauen. Mehr als mein Gedanke daran oder meine Fantasie war nicht mehr übrig. Wer hier wanderte, sieht kein Leben mehr. Er sieht bloß noch Ruinen, Vergangenheit – unpersönliche Vergangenheit. Ohne jeglichen Wert. Nichts war mehr da. Nur ich.

Ich setzte mich. In den Wäldern dieser Gegend lebten vereinzelt Menschen, Menschen mit Misstrauen. Etwas wie ein hypothetischer Urzustand. Nur noch Einzelne oder Kleingruppen. Und über allem wachte eine Stadt, die man nicht sah, die aber eingriff, wenn man sich nicht verhielt, wie es die Reichen der Stadt für ihre würdigen, reichen Nachfahren wünschten. In dieser Stadt, oder in den Städten, musste es Leben geben, dort musste man wohl leben wollen. Hier, wo ich war, war ich alleine. Ohne Sinn, ohne Ziel oder Identität. Konnte ich hier wirklich herausfinden, wer ich war? Konnte ich wirklich herausfinden, wer ich zu sein hatte durch Geschichten über ein altes Ich?

Es war dunkel geworden und ich ließ mich nieder. Eine schöne Nacht schien es zu werden. Sterne waren zu sehen. Das machte es friedlich für mich. So konnte man sein Dasein genießen. Die Welt war irgendwo doch noch in Ordnung.

Lange zu schlafen hatte ich nicht gekonnt. Überall in den Büschen hatte es geraschelt. Irgendwas war in dem Wald. Vielleicht mehr Freeländer, dachte ich. Nun ja, ich war keine Bedrohung, also konnte auch nichts passieren. Nur wirklich schlechte Menschen oder sich bedroht fühlende Tiere hätten mich bedrohen können. Ich versuchte vorsichtig, mit möglichen Menschen zu kommunizieren. Es gab keine Antwort. Ich versuchte es weiterhin. Es raschelte weiter. Größere Schatten konnte ich erkennen. Nichtmenschliche Tiere mussten es sein. Ich bewegte mich langsam weg. Ganz langsam versuchte ich, mich zu entfernen. Ich war nie ein Pfadfinder gewesen, oder ein großer Naturmensch. Das konnte ich schnell über mich sagen. Ungeschickt war ich in der Wildnis. Was auch immer in den Büschen war, es schien nun doch nicht extrem interessiert an mir zu sein. Ich bemühte mich, weiter wegzuschleichen. Da bemerkte ich, dass ich mich geirrt hatte. Irgendwas kam schnell auf mich zu. Es rannte. Es war viel zu schnell, ich konnte kaum reagieren. Ich stolperte rückwärts, lag auf dem Waldboden und konnte nur noch wild um mich schlagen. Ich dachte für einen kurzen Moment, dass es gut gewesen war, dass mich niemand sah. So unkoordiniert um sich zu schlagen. Doch ich hatte es erwischt. Es lag neben mir. Langsam fasste ich es an. Fell. Ich versuchte weiter, zu fühlen. Ich erschrak. Es fühlte sich an wie ein Hund. Ein einfacher Hund. Ich hatte nichts bellen gehört. Musste er ja auch nicht. Jetzt sowieso nicht mehr. Ein großer, niedergeschlagener Fellhaufen von Hund lag neben mir. Ich bekam Mitleid. Neben ihm schlief ich mich einem schlechten Gefühl ein. Etwas negativer Einsamkeit und ein schlechtes Gewissen begleiteten mich in den Schlaf.

Erster Eindruck (23.834)

Ich war also drin, und alleine – wieder. Dank des dicken Reichen Mannes mit dem pervers anmutenden Lachen. Er hatte mich am Morgen mit seinem Helikopter aus dem Wald in die Stadt, die große Stadt Annuki befördert und abgesetzt. Nützlich hatte er sein wollen. Da war ich nun. Ob er mir von Nutzen war, wusste ich nicht. Vielleicht hatte er eigene Interessen. Vielleicht hatte er mehr gewusst über mich. Sicher. Oder er war bloß ein Reicher gewesen, der armen Freilandmenschen half. Egal, nun war ich in der Stadt. Ich schaute mit großen Augen durch die Häuserschluchten. Zwischen den Wolkenkratzern waren recht schmale Straßen, vielleicht wirkten sie auch nur schmal. Über ihnen verliefen nochmals Straßen, sie waren deutlich schmaler und ich konnte keine Zugänge von unten erkennen. Dort oben liefen aber Menschen, und Menschen fuhren in so etwas wie Mini-Autos oder Elektro-Scootern und auf Motorrädern. Sie rasten dort oben. Auch Fußgänger gab es dort oben. In einer Höhe von bestimmt 40 Metern spielte sich das ab. Zugänge sah mal bloß zu den Wolkenkratzern. Es schien, als hätte jeder von ihnen einen Zugang zu diesem Weg. Ich staunte. Es war unglaublich.

»Zwei Dinge darf man hier nicht: Dort hoch ohne Geld und die Farbe rot verwenden«, sprach mich ein Wildfremder von der Seite an. Ich blickte ihn verdutzt an. Gut, wild war er nicht. Er sah zivilisiert aus wie … ja wie alle hier. Nicht gekleidet wie die Freeländer da draußen, aber zivilisiert?! Nicht wie ich mir das vorstellte. Sie trugen hier alle bunte Klamotten, hatten Tattoos, Piercings, Make-up und waren so individuell, dass ich sie kaum von einander unterscheiden konnte. Er schien mein Staunen bemerkt zu haben und war offensichtlich so freundlich oder neugierig, dass er mich ansprach. Ich fragte, wie ein einfacher Mann dort hochkäme. Er korrigierte sich und meinte, dass hier drei Dinge verboten waren – und die ganze Bevölkerung hinter diesen Verboten stand: Man verwendete niemals die prähistorische männliche oder weibliche Form für Menschen. Das gehörte sich hier nicht. Er … oder es irritierte mich. Es … ja es nahm ein elektrisches Minigerät heraus, vielleicht ein Telefon und stupste in meine Richtung. Was auch immer das bewirken sollte, es tat es nicht. Er machte es noch einmal. Es tat es noch einmal. Das Gerät allerdings tat nichts. Er bzw. es machte »hm …« und es, also er eigentlich er. So war es doch viel einfacher?! Er gab mir eine Karte mit einem Namen darauf und verschwand mit dem Hinweis, dass ich mich melden könnte. Ich schaute auf die Karte: »Aruna Somuru«. Nummer: Fehlanzeige. Was sollte ich damit?

Hier unten dagegen war auf den Straßen ein buntes Treiben. Züge ohne Gleise, aneinandergehängte Mini-Autos oder Elektro-Scooter – ich hatte noch keine Ahnung, was das war. Aber mir fiel auf, dass die einzigen Geräusche von Menschen kamen, nicht etwa von den Fahrzeugen. Es war nicht still in dieser Stadt, es war sogar sehr geschäftig hier. Viele Stimmen, menschliche Stimmen. Nichts wie diese verrückten 7. Es war laut hier. Ein Geräusch fiel mir plötzlich auf: Ein riesiger Container schwebte in der Luft, in der Luft gehalten durch einige Rotorblätter. Etwa 15 Meter lang, 2 Meter hoch und 2 Meter breit war dieser Container. Er hatte auf einer schmalen Seite zwei Fenster und auf der anderen schmalen Seite ein winziges Fenster und eine Tür. Das Ziel war offensichtlich eine Art ausgefahrene Plattform im 6. Geschoss eines Gebäudes. Dort landete dieser Container. Die ersten 8 Geschosse waren bei einigen Gebäuden allesamt mit Containern gefüllt. Menschen schienen darin zu wohnen. Wohnen arme Menschen hier in Containern, die man in die untersten Etagen von Wolkenkratzern steckt? Absurd.

Was sollte ich in dieser Stadt nun machen? Ich war nun eben da. Ich war kein Wilder da draußen mehr und ich hatte die Sorgen um die 7 Irren nun wirklich hinter mir gelassen. Ich blickte nach Osten: überall Wald. Die ganze Stadt war auf einem Plateau, vielleicht einem Bergplateau oder auf einem künstlichen? Man konnte nur Wald erkennen, so weit man blickte. Und man hatte das Gefühl, wirklich weit schauen zu können. Wald, nur Wald – nichts weiter. Und darin? Die Freeländer, Touristen und mit der 7-Sekunden-Strafe belegten Menschen. Wirklich interessant: Wer sich nicht an die Regeln der Gesellschaft hält, muss nicht gefangen sein; er darf halt bloß nicht mehr in der Gesellschaft sein. Man gibt ihm die maximale Freiheit, die die Gesellschaft ihm geben kann, ohne unfrei von ihm zu sein. Ich war fasziniert. Von dem üblen Menschenbild, welches hier vorherrschte, hatte ich damals noch keine Ahnung, keine!

Kalter Schweiß (24.054)

Ich schlendere durch Häuserschluchten, es ist viel Verkehr. Es gibt einige Schluchten, deren Faszination von der Enge der Bebauung kommt, sie bilden eine eigene kleine verstohlene Welt für sich: dunkel, abgeschieden mit eigenen Lebewesen. Ich laufe in eine hinein. Dass hier die ersten 30 Meter nur der armen Bevölkerung gehören, ist verständlich. Wer wollte hier schon mit Zugang zur A-Ebene wohnen, wenn er die finanziellen Möglichkeiten zur S-Ebene hat? Ich schaue hoch zum Skyway, ein eigenes straßenartiges Netz über den Köpfen der Armen – wie gerne würde ich dort oben laufen. Aber wie heißt es so schön: »Wer unten läuft, dient, wer oben läuft, hats sich verdient.«

Ich schaute in eine Gasse hinein, doch kamen merkwürdige Geräusche her. Plötzlich rannte ein Mann heraus und schrie mir entgegen, dass ich auch wegrennen sollte, da er verfolgt wurde. In Sekundenbruchteilen schien ich mich instinktiv dazu entschieden zu haben, ihm zu folgen. Ich rannte mit ihm davon. Wir rannten durch die Hochhausschluchten und durch enge Gassen. Hinter uns rannte ein Mann hinterher. Ich wusste nicht recht, wieso ich rannte. Hätte ich einfach anhalten können und der Verfolger wäre an mir vorbei? Ich war doch bloß vor einer scheinbaren Gefahr weggerannt. Ich rannte noch immer. Nun an einer Gruppe von Jugendlichen mit kaputten Klamotten und bunten Haaren vorbei – Sackgasse. Der Mann, mit dem ich davon gerannt war, dem ich hinterherrannte, blieb stehen. Da standen wir nun nebeneinander in der Falle. Ausweglos. Nun kam der Verfolger. Er schrie und verlange offensichtlich eine Uhr von uns – seine Uhr? Ein Schuss. Der Mann neben mir hat den Verfolger erschossen. Er gab mir die Waffe und ich stand ganz starr. Der Mann rannte nun weg und schrie den Jugendlichen, an denen wir zuvor vorbei gerannt waren, zu, ich hätte geschossen. Ich war nun der Mörder. Ich stand geschockt da, mit der Waffe in der Hand.

Die Jugendlichen kamen auf mich zu. Sie waren nicht ängstlich, sondern sahen wild entschlossen aus. Doch entschlossen wozu? Doch was sollte nun geschehen? Ich wollte gerade anfangen zu erklären, doch sie stoppten mich. Sie fragten mich, ob ich wüsste, warum mir das nun geschehen war, und wollten wissen, ob ich gerne von der Polizei verhaftet werden wolle. Ich war verdutzt und ahnungslos. Sie erklärten mir, sie hätten mich beobachtet. In dieser Gesellschaft suchte ich meinen Weg in die höheren Schichten. Ich wollte der Armut entrinnen und was Besseres werden, »oder etwa nicht?«. Ich bejahte. Ich wusste nicht, worum es ging, oder jedenfalls, was das sollte. Sie fuhren fort: Ich träumte immerzu davon, meiner eigenen Armut zu entfliehen. Sie hätten mich beobachtet. Ich wollte gegen meine eigene Armut kämpfen, doch keinen Finger krumm machen gegen die Armut der Armen der Gesellschaft. Ich sei egoistisch. Nach meinem Willen könnte die Armut Aller fortbestehen, so ich denn nicht selbst darunterfiele. Ich dachte nicht an meine Mitmenschen, ob ein bisschen oder sehr bedürftig, ich dachte nur an mich. Mir lief es eiskalt den Rücken herunter.

Plötzlich wachte ich schweißgebadet auf. Ich zitterte. Ich konnte diesen Traum den ganzen Tag nicht von mir schütteln. Ja, ich dachte daran, in meinem Betrieb nach oben zu kommen. In dieser Gesellschaft konnte man das, radikal. Man konnte auf der Straße immer nach oben sehen und man wusste, man konnte dorthin, wenn man einer der besten der Unteren war. Die Armut aller Armen konnte man im System nicht abschaffen, doch konnten immer einige der Besten in den Betrieben einige soziale Stufen erklimmen. Präsident Suiger rühmte sich zurecht für die vertikale Mobilität, seiner Herzensangelegenheit. Doch gab es immer Armut, für irgendwen jedenfalls.

Li, La, Lou (25.01.2066 AZ / 24.131 NZ)

Draußen regnete es, es war kalt-grau. Ich lag angezogen im Bett. Ich ärgerte mich. Ich sollte nicht so emotional sein. Ich sollte ruhig und gelassen sein. Ich sollte produktiv  sein und nicht angezogen im Bett liegen. Ich war sowieso viel zu unruhig dazu. Ich konnte nicht einfach die Augen zu machen und in einigen Tagen die Augen wieder aufmachen. Ich musste wach sein und etwas tun. Ich musste leider durchstehen und mein Leid und Leben erleben. Man muss sein Leben erleben.

Ich war mir sicher in meinen Gedanken: Es gibt einfach Menschenleins, die zu gefährlich sind. Menschenleins, die man eigentlich wegsperren musste, da sich jeder in sie verlieben und damit unglücklich werden würde. Ich wusste, dass dies kein Gedanke war, den ich denken durfte. Natürlich durfte man niemanden wegsperren, nur weil man sich in es verlieben würde. Selbstverständlich nicht.

Doch dieses Exemplar war besonders. Wenn es wollte, würde wohl jedes, das es begegnet, sich in es verlieben.

Ich dachte daran, wie ich vor einiger Zeit in einer Bar war und Gesellschaft genießen wollte, ohne gesellig zu sein. Ich wollte lediglich unter Menschenleins sein, aber nicht mit Menschenleins. Ich machte einige Schreibübungen aus Spaß und versuchte aus wirren Ideen und Überlegungen Geschichten zu machen. Oder Kategorisierungen für Handlungen oder Menschleins zu erstellen – denen Menschleins und ihr Handeln natürlich entfliehen. Und da passierten mehrere äußerst ungewöhnliche und beachtliche Dinge. Dinge, die mich faszinieren und die äußerst unwahrscheinlich sind. Ich habe natürlich kein Problem mit Unwahrscheinlichem: Es passieren unwahrscheinliche Dinge auch ganz ohne Magie oder Mystik – es ist eine Sache der Stochastik, dass auch mir für mich ungewöhnliche Dinge passieren. So war es dann an diesem Abend. Faszinierend war jedoch, dass ich gegen diese Unwahrscheinlichkeit quasi unbewusst immer gearbeitet hatte. Seit ich denken kann oder erwacht bin, hatte ich mich dagegen gewehrt. Ich hatte Menschen gemieden, wo ich nur konnte – ich hatte alles Menschleinsmögliche getan, um Menschleins nicht emotional nahe zu kommen. – Und symphytisch war ich auch nicht, weder auf den ersten, noch auf den zweiten Blick, gar nicht. Ich vermutete, dass ich damit mein altes Ich entdecke. Das steckte wohl in mir.

Während ich das kostenloses Gemüse und einige Nüsse dazu genoss oder wenigstens aß, schaute ich mich um: Ich sah gewöhnliche Menschleins, viele davon, zu viele. Aber das ist eben hier unten so. Flache Unterhaltung, Bildschirme überall, Hologramme und Dance-Musik, die man auch sitzend genießen konnte. Dort sah ich Lou Montez Colita das erste mal. Lou, ein junges Menschlein an der Bar schaute sich ebenfalls um und schien in meine Richtung zu blicken. Es winkte in meine Richtung, es war eine zarte und dezente Bewegung. Peinlich berührt davon, dass ich mich selbst angesprochen fühlte und ein »Hi« herausbringen wollte, aber dabei gerade einmal die Lippen geformt hatte, aber keine Luft hinausstieß, drehte ich mich wieder um und versuchte, mich auf mein Blatt zu konzentrieren. Es war für mich besser, nicht mit Mitmenschleins zu interagieren. Erstens ging es mit einer immens hohen Wahrscheinlichkeit schief und zweitens ist ein Versagen an der Front sehr unangenehm, wie man bei leidenden Mitmenschen immer wieder erleben durfte.

Statt mich konzentriert dem Definieren und Klassifizieren zu widmen, baute ich eine Fantasiewelt mit diesem Wesen auf. Irgendwie schienen die Gedanken an dieses Menschleins in jenem Moment reizvoller als die sonst doch so spannenden Versuche, Begriffe und Verstand für die Welt um mich herum zu finden.

Die recht laute Party-Atmosphäre und gesellige Stimmung war erfrischend. Die ganze Welt der normalen Menschleins Annukis war in Bars wie dieser unterwegs. Das Nichtalleinesein war für mich immer wohltuend, obwohl ich eigentlich alleine war, doch eben in Gesellschaft. Die meisten Menschenlein in Annuki waren bloß einfache uninteressante Füllwesen für mich in meiner jeweiligen Umgebung. Irgendwas musste schließlich da sein. Ob das nun x oder y war, war mir gleich. Doch eben ein Menschlein unter diesen war interessant.

Als ich der Versuchung nicht widerstehen konnte, und mich umdrehte, um Ausschau zu halten, stelle ich mit Erstaunen fest, dass dieses eine interessante Persönlein nicht mehr da gewesen ist. Nein, es war nicht mehr am Tresen, es ging stattdessen in meine Richtung. Ich wendete mich wieder den Papieren auf meinem Tisch zu. An meinem Tisch saß niemand außer mir, die Bar war sonst allerdings einigermaßen gut gefüllt.

»Hallo, was machst du denn da eigentlich?«, sagte dann eine Stimme neben mir. Ehe ich verstand, was passierte, saß dieses junge Wesen zu mir gewandt auf dem Tisch. Auf meinem Tisch, neben meinen Papieren an denen ich noch verzweifelt festhielt. Ich schaute nun leicht nach oben, um tatsächlich mit es zu reden. Blickkontakt war vielleicht etwas schwierig für mich zu organisieren, doch alle Alternativen waren nicht höflich oder ablenkend. Ich konnte kaum meine Blicke etwas tiefer fallen lassen, was immerhin eine gerade und physiologisch angenehme Kopfhaltung ermöglicht hätte, da ich sonst auf esses Brüste geschaut hätte, oder auf esses nackten Bauch, dessen Ästhetik mich mehr als nur ein wenig verunsicherte. Komplett wegschauen, wäre natürlich auch möglich gewesen, aber nicht wirklich. Ein wenig soziale Intelligenz besaß ich ja doch.

Nun, ehrlichgesagt hatte ich es doch schon einige Male vor diesem Moment wahrgenommen. Und eigentlich hatte es schon mehrmals in meine Richtung gelächelt. Es war schon richtig anstrengend für mich geworden, weil ich nie wusste, wie ich richtig reagieren sollte. Ich hatte nur einen optischen Eindruck von es gehabt und es höchstens mal aus der Ferne reden hören. Aber das hatte schon gereicht, um es mir als ein wirklich interessantes und attraktives Wesen vorzustellen.

Ich ging zwar gerne in die Bar, um mit Menschleins nichts zu tun zu haben, aber unter Menschleins zu sein, aber irgendwann sah ich also dieses junge Menschlein. Es war auffallend unauffällig, aber kein graues Mäuschen oder so ähnlich. Es war eine natürliche Schönheit, die sich nicht aufdrängte oder nach einer Aufmerksamkeit suchte. Es schien nichts dergleichen nötig zu haben. Es hatte auch nicht, wie die allermeisten Menschleins hier und da blaue, gelbe, violette oder grüne Haare – auch nicht entsprechende gefärbte Lippen oder Wangen. Es hatte einfach schöne, braune und leicht wellige Haare. Es hatte nicht die knalligen und glitzernden Leder- oder Plastikhosen an wie andere. Es war wohl beinahe langweilig gekleidet. Sichtbare Tattoos waren sehr wenige dezent zu erkennen, ein Nasenpiercing und ein Ohrenstecker dazu. Esses Körperschmuck war eine passende Unterstreichung esses Selbst. Es macht es nicht aus, es definierte es nicht, es war einfach da und passte – weil es es wohl mochte. Ansonsten war es eine ebenso Make-up-lose wie makellose natürliche Karibikschönheit. Doch die wahre Schönheit entblößte es dann im Laufe des Abends. Lange, sehr lange und unendlich unwahrscheinliche Gespräche entwickelten sich aus esses Initiative, mich anzusprechen. Wir sprachen über Religionen, Mode, Wirklichkeit, Definitionen, Menschentypen und Ideale für ein Menschenleben. Ich ließ dabei sicherheitshalber weg, dass ich erst seit geraumer Zeit wieder »bin« und von meiner Zeit bis 5.568 nichts weiß – und dass ich dann »tot« war bis 23.832. Nein, ich ließ das heraus. Ich wollte normal wirken, vielleicht auch normal sein. Ich präsentierte mich, wie ich mich gerne sah und sehen konnte: Ich arbeitete in einfachen und anspruchslosen Jobs, war genügsam und war fasziniert von vielem, tat aber wenig. Ich dachte und schrieb, ich war ein Denkendes.

Es zeigte sich, in voller Harmonie zu esses äußeres Natürlichkeit und Schönheit als ein herausforderndes Menschlein, ein etwas rebellisches und starkes Menschwesen, voller Mut und Sicherheit, doch zugleich irgendwie zart und süß. Diese anziehende Widersprüchlichkeit mit dieser Authentizität des Charakters und des Äußeren begeisterte mich innerlich sofort. Es sträubte sich gegen Konventionen und Ungerechtigkeit so sehr, wie es sich wohl gegen meine Adjektivwahl »süß« gesträubt hätte. Es war mehr als sympathisch. Faszinierend, viel zu faszinierend. Es hatte es nicht nötig, sich anzupassen. Es hatte es nicht nötig, sich anzubiedern. Es hatte es auch nicht nötig, darauf zu warten, dass die Dinge passieren, wie es es wollte. Es tat, was es wollte, wenn es konnte. Und es hatte eine klare und gute Vorstellung davon, was richtig war. Es wusste, wie die Welt sein sollte, und vertrat esses Standpunkte mit viel Energie, jedoch nicht aufdringlich. Diese, meine, immense Begeisterung für es musste in Zaum gehalten werden. Ich wollte und konnte diese Begeisterung für es nicht fassen und hätte mich wohl lächerlich gemacht, wenn ich direkt dahin geschmolzen wäre. So ein Menschlein bin ich nicht.

Im Laufe des Gespräches stellte es Fragen. Interessante Fragen. Es musste man nicht erzählen, wie man Konversationen führt, wie man nach Beruf, Hobbys, Wünschen oder Verwandtschaft fragt. Es stellte Fragen wie »Was wäre deine Superkraft, wenn du dir eine aussuchen dürftest?« oder »Was macht dich komisch?« oder »Was ist das Peinlichste, was dir je passiert ist«. Minimal stur und sehr reflektiert war es dabei. Es wusste, was es wollte. Es konnte sich selbst kritisch betrachten und dabei auch über sich lachen. Faszinierend.

Doch nun, da ich im Bett lag, angezogen, sah ich esses Wesen vor meinen Augen, braune Haare, braune Augen, eine wunderbare und weibliche Figur und ein auffallend gesund wirkendes natürliches Äußeres. Ein echtes Menschlein, nichts Künstliches, nicht dem Zwang zur äußeren scheinbaren Individualisierung unterworfen. Nur, dass es nicht da war. Es war nicht in meinem Container, ich war alleine. Das trübe Wetter draußen … ich fragte mich, warum die es regnen ließen? Warum macht man das, wenn man das Wetter kontrolliert? Diese Fortschrittsgesellschaft schreitet doch besser voran, wenn die Sonne scheint und Menschleins davon glücklich werden?

Es hatte gemeint, es musste mich nun ansprechen, da ich interessant und intelligent aussehe. Das zog es an. Das war wohl ein erfreuliches Kompliment, doch es fühlte sich so an, als ob eine Enttäuschung bevorstand, eine Enttäuschung eines sehr interessanten Menschleins, eines wirklich faszinierenden Menschleins. Ich vermisste das Gefühl esses Nähe. Wir hatten nur ein Gespräch gehabt und ich hatte keinerlei Möglichkeiten Kontakt zu es aufzubauen. Meine letzten Barbesuche waren trostlos, es war nicht da gewesen. Hatte ich nun ein einziges Mal bloß dieses Menschwesen gesehen? Einmal bloß? Und ich ließ mir jede Möglichkeit entgehen, daraus noch ein weiteres Mal zu machen? Ich konnte es nicht vergessen.

Ich hatte doch eigentlich alles getan, um solche Situationen zu vermeiden. Obwohl ich dieses Menschlein, dieses entzückende Wesen spannend, interessant und ansprechend fand, hatte und hätte ich es niemals angesprochen, niemals. Unglücklich war ich nun keineswegs über esses Vorgehen. Es hat mich angesprochen und es folgten wunderschöne Momente. Es ist nun allerdings wie ein schöner Traum, der zu verblassen droht. Was bliebe übrig von dieser Schönheit? Hätte es mich nicht angesprochen und ich es natürlich auch nicht, wäre nichts passiert. Ich hätte solche Gedanken nicht und könnte esses wegen nicht leiden. Ich wäre weiterhin Bedürfnissen aus dem Weg gegangen, da ich Menschleins, die solche Bedürfnisse erzeugen könnten, erst recht gemieden hatte. Doch nun wollte ich es nicht missen. Nun war ein Bedürfnis da. Ich war kein Masochist. Ich wollte Bedürfnisse nicht haben, konnte aber nicht anders, als ihnen nachzugehen, wenn sie erstmal vorhanden waren. Dieses Wesen war da gewesen und hatte mich in esses Bann gezogen. Dieser Traum von einem Menschlein …

Ein merkwürdiges Gefühl von Sehnsucht, Begeisterung und unausgesprochenem Pein war nun mit es verbunden. Das einzige Mal, das wir miteinander sprachen, endete in einem Abschied, dessen gesellschaftliche Konvention mir fremd war und so hatte ich mich blamiert – und Unsicherheit gezeigt. Ich hätte mit dem formalen, aber machbaren »Lebe lang – gut und gerne!« gerechnet und kam nicht so recht klar mit Küsschen auf der linken und dann der rechten Wange. Das lässt mich so sozial inkompetent erscheinen, wie ich es bin. Darüber schien es amüsiert gewesen zu sein, was einerseits beruhigte, andererseits das Bedürfnis nach Aussprache steigerte. Wie auch immer – ich muss nun warten und hoffen auf eine nächste Begegnung.

Sonnenuntergang 10.11.2066, (24.420,8)

Ein Gespenst wäre schon nötig, um diesen Moment des Wartens ungewöhnlich zu machen – ein ungewöhnliches sogar. Das Ungewöhnliche war eigentlich bloß, dass mir dieser Moment nicht ungewöhnlich vorkommt, wenn man bedenkt …

Im Westen sind die wenigen Wolken im dunkelblauen Himmel von den letzten Strahlen der untergehenden Sonne rötlich. Ein angenehmer Anblick. Ich friere ein wenig, ich muss stehen. Mein Blick geht entlang der stark befahrenen Ost-West-Hauptverkehrsader der unteren Menschheit Richtung Osten: trübe Dunkelheit, nichts weiter. Mit mir warten weitere Menschen – uninteressant.

Geradeaus, im Norden erblicke ich die hohen spitzzulaufenden Gebäude dieses Gewerbegebietes. Es sieht alles tot aus. Was lebt, ist die Straße. Gemischt unter die hohen Gewerbehäuser sind die ebenfalls spitzzulaufenden belebten Wohngebäude. Sie sind nicht tot. Helle Punkte zieren die Fassaden. Ein komisches Gebiet, zum Wohnen. Das wollte ich nicht.

Ich atme die kalte Luft tief ein – durch die Nase. Es ist etwas zu kalt zum Genießen. Das Stehen macht auch keine Freude. Ich stehe gut, meine Füße sind gut gebettet, aber gut genug zum ewigen Warten dann doch nicht.

Unsereins muss den zweidimensionalen Sammelverkehr nutzen, da geht es nicht anders, Warten ist mit inbegriffen. Die untere Menschheit ist es gewohnt. Doch eigentlich sollte ich keiner von ihnen sein: Weder denke ich wie sie, noch fühle ich wie sie. Ich mache lediglich dasselbe, weil ich dasselbe muss. Für mich dasselbe, für den besonderen Rogi Usarsa?

Ich besteige den Bus, wie meine unteren Mitmenschen. Ich setze mich gegen die Fahrtrichtung (wie aus Sicherheitsgründen alle Steh- und Sitzplätze ausgerichtet sind) in eine Zweiplatzreihe, die durch den Gang von einer weiteren solchen getrennt ist. Am Fenster mag ich es. Menschen als Sitznachbarn sind eine ständige Gefahr für eine angenehme Fahrt. Ich betrachte die anderen einsteigenden Fahrtgäste. Einer nach dem anderen läuft vorbei an meiner Reihe. Einer setzt sich auf der anderen Seite des Ganges hin, was kein Problem ist. Doch wie es wohl immer kommen muss, wenn unser Bewusstsein aktiv ist: Das Nichterhoffte tritt ein, der ungünstige Fall. Ein Mensch setzt sich neben mich. Ich blicke nun aus dem Fenster. Es war ein Mensch, ein ruhiges hoffentlich. Das Alter schließt eine überanstrengende Erzählfreude aus, dieses Wesen wird nicht zu viel erzählen.

Ich blicke im nun fahrenden Bus in den Verkehr. Viele Spuren, viele kurze Wagen, wenige lange. Kaum denkbar, dass es mal eine Zeit gab, in der nur lange Wagen herumfuhren, auch noch bloß halb oder viertel voll. Die Politik des Nytakas wird sicher zu viel gepriesen, aber einiges Unsinniges hat er nun mal beseitigt.

Mein Mitmensch liest. Es liest einen Roman – welch eine Zeitverschwendung: Man folgt dem Aufbau einer Spannung, muss mitleiden, mithoffen und auf ein gutes Ende hoffen, ganz ohne Not. Doch das Lesen des Mitmenschen stört immerhin nicht. Alles gut. Kein Grund zur Freude zwar, aber beunruhigend auch nicht. Es hätte auch schmatzen, grunzen oder mit dem Fuß tippeln können. Schlimmer wäre bloß noch rauchen, reden oder der Austausch von Höflichkeitsfloskeln gewesen. Nichts dergleichen. Bald bin ich in meinem Heim.

Mitternachtsglockenläuten 11.11.2066, (24421,00)

Die Glocken sind das Zeichen für mich: Ich sollte mich schlafen gehen. Der morgige Arbeitstag, der Beginn des »von eins bis drei – schaffen wir allerlei« steht wieder vor der Tür.

Derzeit beschäftige ich mich wieder mehr mit der Szenerie des Tages 23.832. Es war spät abends und ich bekam ein Gedächtnis. Mein Leben schien erst dann zu beginnen.

Eigentlich darf man doch nie annehmen, dass man länger schon lebt als bloß den Moment, in den man denkt, dass man lebt. Alles, was meine Erinnerung ist, kann doch vollkommen falsch sein. Woher weiß ich von meiner Vergangenheit, von meinem Sein, das größer ist als mein jetziger Gedanke?

Gerade ich weiß, dass meine Vergangenheit nicht gleich meiner Erinnerungen sind oder sein müssen.

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