Bericht über die Unteren Annukis

Ein ethno-sozialer Bericht von Feconi Jamita über die Unteren Annukis von 24.900 NZ.

Dieser Bericht hat sich zur Aufgabe gemacht, zu diesem besonderen Tag die unteren Menschleins aus dem einfachen Schema der geografischen Verortung und der Ableitung weiterer Charakteristika daraus zu befreien. Den Wesen der geneigten Leserschaft soll der zum Verständnis der Mitmenschleins nötige Einblick gewährt werden in das Leben und Sein des gemeinen unteren Menschwesens, obgleich die erhabene räumliche Position schon einen trügerischen Einblick zu gewähren vermag.[1] Die nähere Auseinandersetzung ist nötig, da nur eine wirklich bemühte Perspektive zum Verständnis hilft.

Fortbewegung

Es ist zu unterscheiden nach gewöhnlichem individuellen Verkehr und Massenverkehr. Auch ist zu unterscheiden nach eindimensionalem, zweidimensionalem und dreidimensionalem Verkehr:

Das einfache Unterwesen bewegt sich individuell bloß, vom Wohnkomplex zum Massenverkehr zu gelangen, oder auf kurzen Strecken. Dabei verfügt es über nichts weiter als seine Beine, Fahrräder oder Einpersonen-Elektroscooter. Ansonsten bewegt es sich bevorzugt, bzw. aus materiellen und politischen Gründen hauptsächlich in öffentlichen Massenverkehrsmitteln.

Die individuelle Fortbewegung vollzieht sich beim Unterwesen bloß zweidimensional. Weder die Elektro-Scooter, noch Fahrräder oder der bloße Gang zu Fuß, bei welchem sich das Unterwesen recht geschickt anstellt, erlauben eine dreidimensionale Fortbewegung. Es verfügt nicht über Jetpacks oder Helikopter, bemerkt allerdings mit dem Blick nach oben, wie diese in der Welt der Leistungselite Annukis zum Verkehr zwischen den Wolkenkratzern auch über der S-Ebene verwendet wird. Neid und Sehnsucht sind auszumachen.

Der öffentliche Verkehr ist der der Masse der unteren Menschlein. Er vollzieht sich ebenso ein- und zweidimensional wie auch dreidimensional, wobei es dem regulären Unterwesen selbst an Mitteln für die doch recht erschwinglichen dreidimensionalen Massen-Verkehrsmittel wie großen Passagier-Flugzeugen mangelt. Überwiegend nutzt es, die bloß eindimensional verkehrende sog. U-Bahn in der B-, C- oder D-Ebene oder Bahnen auf der A-Ebene, die ebenfalls eindimensional verkehren. Dazu nutzt das untere Menschlein oftmals auch zweidimensional fahrende Busse auf der A-Ebene.

Was unterscheidet also das Unterwesen in der Fortbewegung von uns Menschen über den sozialen Metern? Es verkehrt individuell nur in geringstem Umfang und dazu noch unter Einsatz seiner Körperkraft. Zudem bleibt ihm fast gänzlich der dreidimensionale Verkehr verwehrt. Damit ist – aus dieser Perspektive – verständlich, was der Antrieb der Masse zur Leistung ist: Das quantitativ doch recht bedeutende Unterwesen hat stets genug Motivation, sich zu verbessern. Leistung kann ihm zu einem Fortschritt in der Fortbewegung helfen. Außerdem gibt es Hoffnung für diese bedauerlichen Wesen, da sie immerzu nach oben blicken können und sie Früchte der Erfolge der Erfolgreichen sehen können. Ihnen entgeht nicht, was ihnen bei rechtem Einsatz ihrer Fähigkeiten offenstünde. Damit leisten auch die Marktmechanismen des Mobilitätsmarktes ihren Beitrag zur Fortschrittlichkeit dieser Gesellschaft.

Ernährung

Das Untermenschlein ernährt sich nicht besonders vielfältig, dafür aber doch recht gesund. Ausgleichsmedizin kann es sich nicht leisten, auch nicht die höheren Krankenkassenbeiträge, die für eine schlechtere Ernährung fällig wären. So ernährt es sich überwiegend von Schwarzfrüchten, an denen es allerdings auch nicht viel zu beanstanden gibt. Sie sind bekömmlich, in ihnen steckt immerhin auch eine aufwändige und jahrelange höhere Forschung. Ansonsten leistet das typische Wesen sich kaum, wenn überhaupt echtes verarbeitetes künstliches Essen. Es hält sich an hergestelltes Gemüse. Freilandgemüse gibt es für das Menschlein unteren Annukis kaum, auch dafür hat es keine finanziellen Mittel. Ebenso verzichtet das Unterwesen auf Freilandfisch oder Freilandfleisch.

Der Vorteil dieser Ernährung liegt für es auf der Hand: Weder kann es oder muss es sich die Internalisierung der negativen Kosten für die Gemeinschaft der Ernährung mit übermäßig viel Zucker, Salz, Fett oder Alkohol leisten, noch muss es überhaupt Geld für Lebensmittel ausgeben.[2] Lediglich für billigen Alkohol oder bevorzugt für andere Rauschmittel gibt es Geld aus.

Es ist nicht zu beobachten, dass der Verzicht auf zuckerhaltige und weniger günstige Lebensmittel bei den Unterwesen einen negativen Effekt auf den sozialen Status hat. Diese gesunde und nicht herausfordernde Ernährung gehört schlicht zum Alltag.

Das einfache Wesen im Unteren Annukis speist und trinkt wie die über ihm, wenngleich ein wenig hektischer, was leicht den Eindruck der Gier erwecken lässt. Es ist allerdings nicht gänzlich der Unsitte der Unteren zuzuschreiben, sondern es gleicht vielmehr dem gesunden und unbedachten Appetit von Kindern.

Erstaunlich ist, dass nicht nur im Alltag, sondern auch zu kleinen Geburtstagen[3] keine besonderen Lebensmittel gereicht werden. Man findet bei dem Jähren der ersten drei Stellen vor dem Komma keine süßen oder besonders salzigen Lebensmittel, alles bleibt (brav) natürlich. Bei größeren Geburtstagen[4] gönnt es sich gewöhnlicherweise besonders Zuckerhaltiges und setzt damit Akzente, die im sozialen Umfeld wahrgenommen werden.

Gesundheit

Die Gesundheit dieses Volks ist beeindruckend gut, trotz geringerer Versicherungsleistungen. Die marktwirtschaftlichen Mechanismen greifen gut: Das untere Menschwesen treibt regelmäßig Sport, lässt es sich bescheinigen und vermeidet damit klug höhere Krankenkassenbeiträge. Dazu verzichtet es auf diesem Grund auf exquisite Lebensmittel mit artifiziell erhöhtem Zuckeranteil oder auf Salzzusätze (wobei diese Lebensmittel natürlich auch ein für sie nicht erreichbares Preisniveau haben).

Der Markt scheint alles in allem den Bedürfnissen und Anforderungen des Untermenschen gerecht zu werden. Die freie und fortschrittliche Regierung verdient den Dank des einfachen Menschen.

Wohnen

Das Unterwesen lebt bevorzugt in Wohncontainern. Dort scheint es sich wohl zu fühlen, dort ist es daheim. Einmal eingezogen, bleibt es bis zum Lebensende darin. Ganz gleich, wohin die Arbeit es zieht, das Heim zieht mit.

Meist richtet es sich den Container behaglich ein und sammelt gängiges aus der gegenwärtigen Unterhaltungsindustrie an. Zudem dekoriert das Wesen sich meist alles in Farben, die esses jeweiliger Sport-Verein im Wettbewerb trägt.

Reinlichkeit

Das gemeine Menschlein gehört nach unten, wie eine Katze zu Bauernhöfen der alten Zeit gehörte, da weder ein Bauer damals seine Früchte den Mäusen überlassen wollte, noch ein guter Geist die Präsenz der Unteren auf Dauer verträgt.

Doch muss man ihnen zugestehen, dass sie in Sachen der Reinlichkeit im Rahmen ihrer Möglichkeit uns in nichts nachstehen. Falls sie weniger reinlich wirken, so ist das meist dem Stress geschuldet. Es kommt bei ihnen öfter vor, dass Termine von Arbeitsverpflichtungen zeitlich dicht aneinandergeraten oder auch oft planmäßig dicht sind, sodass Eile geboten ist.[5] Diese Eile wirkt sich dann aus auf Körperliches wie auf Geistiges und verlangt dem Unterwesen nach Ruhe. Daher ist das Unterwesen selten ohne Schweißgeruch anzutreffen und es hat selten genug Zeit im alltäglichen Tagesablauf für die Reinlichkeit, nach dem es ihm ist.

Geschlechtliches

Ausprägung des Triebs

Beobachtungen lassen den Verdacht zu, dass es keinerlei Unterschiede zwischen einem Trieb des Unterwesens und uns gibt. Allerdings müssen dies wohl noch genauere Studien belegen, da die Praxis der Geschlechtlichkeit der Unteren durchaus verschieden interpretiert werden kann.

Ziele der Unterwesen im Geschlechtlichen

Schlichte und banale Befriedigung von körperlichen Bedürfnissen oder aber – und dazu wird später genauer einzugehen sein – damit nur mittelbar zusammenhängenden simplen Herstellung von Glücksgefühlen sind die vorwiegenden Motive für ein Ausleben von Geschlechtlichkeit.

Daneben findet sich der uns nicht unbekannte Wunsch nach Fortpflanzung. Verschwörungstheorien kursieren in diesen Bereichen beinahe periodisch; diesen soll hier kein unnötiger Nährboden gegeben werden. Es wäre absurd, die Regierung für eine unten weit verbreitete Kinderarmut verantwortlich zu machen.[6] Es scheint eher, als ob die materiellen Grundlagen des minderleistenden Unterwesens nicht ein derartiges Habitat konstituieren, welches Fortpflanzung generell begünstigt. Dies ist – bei aller gewollten Humanität in Europa – als ein nicht unglücklicher Umstand zu werten, da es kaum human sein kann, wenn die Umstände Geburten zwar erleichtern, aber nicht das Werden eines bereichernden Wesens für die Gemeinschaft fördern. Die fortschrittliche, europäische Gesellschaft als Ganzes und die Politik im Besonderen darf sich also daran erfreuen, da die Last der Verantwortung nicht nach einer aktiven Maßnahme verlangt.

Geschlechtliche Praxis

Realer Sex im Zwischenmenschlichen ist deutlich seltener Bestandteil der Praxis des einfachen Unterwesens. Unternimmt man allerdings den Versuch, alle Spielarten sexueller Aktivitäten aufzusummieren beim Untermenschlein, so scheint es, als ob die Statistiken keine Unterschiede zwischen oben und unten in Annuki vorweisen.

Man muss unterscheiden zwischen rein individuell gelebter Sexualität und der in welcher Konstellation auch immer gelebten mitmenschlichen Sexualität. Letztere, also realer, echter Sex bei einem Großteil der Bevölkerung kaum noch von praktischer Bedeutung, während einige eher unkonventionelle Spielarten bei einem anderen Teil der Gesellschaft der Unteren einigermaßen gängig zu sein scheinen. Unsere sprachliche Humanität erlaubt es nicht, hier die Lupe aufzulegen und vermeintliche Unterschiede zwischen gesellschaftlichen Gruppen genauer zu beleuchten.

Krankheiten

Der medizinische Fortschritt Europas, des Freien und Fortschrittlichen Europas, kommt entgegen reiner marktwirtschaftlicher Logik aus humanitären Gründen in generösen  Grundzügen auch den Leistungsschwächeren zu, vereinzelten Gegenentwürfen aus unseren Reihen zum Trotz. Und so überrascht es nicht, dass die sexuelle Freigiebigkeit des Unterwesens nicht mehr körperliche Plagen zufolge hat.

Damit ist jedoch, wie man an diesen bedauerlichen Kreaturen sehen kann, die Palette an Übeln der Sexualität nicht komplett bereinigt. Individuell sexuelle Aktivitäten haben oft ihren Grund im Bedarf an schnell verfügbaren positiven Gefühlen. Die Technologie erlaubt es ihnen und die Politik greift nicht ein. Der bedauerliche Zustand der weit verbreiteten Sucht des Kopfes hat mit den BATs wohl eine abermals schlechtere Zukunft zu befürchten. Dem scheint die Politik vollkommen machtlos oder unwillens gegenüber zu stehen.

Die Sucht nach Sexualität verbreitet sich im unteren Annuki scheinbar nicht durch das Miteinander, jedenfalls konnte der Autor, sofern ein wissenschaftlicher Anspruch das genauere Betrachten zuließ, diesen Verdacht nicht erhärten. Es scheint eher, als wäre diese Sucht eine Gewohnheit, die sich aus dem individuell erlernten Kontakt mit den Medien aus einer gesellschaftlichen Isolation heraus entwickelt. Man darf also darauf schließen, dass möglicherweise eine negative Korrelation zwischen Qualität oder Quantität an Sozialkontakt und diesen vermeintlich neuen Geisteskrankheiten der Sexualität besteht. Damit steht diese geistige Neuheit komplett den alten, sexuellen Körperkrankheiten entgegen.


  • [1]Trügerisch ist allerdings, bei realistischer Betrachtung, eher die Vorstellung von Freiheit, der die Unteren unterliegen. (Allerdings trägt dies die gesamte Gesellschaft)
  • [2]Stadtgemüse ist in fast allen FFE-Städten (ca. 95%) kostenlos durch staatliche Subventionen.
  • [3]Alle 1.000 Tage ab Geburt (ca. 2-3 Jahre AZ)
  • [4]Alle 10.000 Tage (ca. 27,5 Jahre AZ)
  • [5] Es scheint uns ja oft so, als würden die Nahrungsmittelsubventionen Faulheit befördern und das gemeine Unterwesen zum Gammeln ermutigen. Dem ist nicht so, wie es sich real darstellt: Seinen Container muss es stets bezahlen. Es wird bei Zahlungsausfall nicht einfach an den Stadtrand gestellt, wie es manchmal wirkt, sondern sogar obdachlos, d.h. auch ohne Wohnberechtigung in der Stadt.
  • [6]Im Gegenteil: Sie subventioniert die Forschung, welche sich zum Ziel setzt, Kinder in künstlichen Gebärmuttern zu entwickeln. Möglicherweise könnten damit auch Unterwesen ihrem Bedürfnis nach Fortpflanzung gerecht werden, sofern sie dafür monetäre Mittel haben.

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